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Samstag, 27. Januar 2018

Molières "Tartuffe" im Residenztheater München

"Und Tartuffe?" - "Der Gute!". Erfüllt von Bewunderung fällt dem Hausherren Orgon (wie immer ungemein authentisch: Oliver Nägele) nach seiner Heimkehr vorerst nichts anderes ein, was er sagen könnte. Schließlich hat er an Tartuffe (Philip Dechamps) einen Narren gefressen und hält ihn für eine ausgezeichnete Partie für seine Tochter Mariane (Förderpreis 2017-Preisträgerin Nora Buzalka), auch wenn die ihr Herz an Valère (Gunther Eckes) verloren hat, sich aber letztendlich dem Willen des Patriarchen zu beugen hat. Was Orgon jedoch nicht ahnt: Tartuffe, einst als Taugenichts von der Straße geholt, hat sich längst zum heimlichen Chef des Hauses aufgeschwungen und sich auch Orgons Ehefrau Elmire (Sophie von Kessel) genähert. Für Mariane und ihre schlaue Zofe Doriane (mit herrlich trockenem Humor: Charlotte Schwab) steht fest: Tartuffe muss weg! Man versucht sich in einer Intrige, um Orgon die Augen zu öffnen...

"Hier ist ein Ort, an dem wir ungestört reden können", sagt eine der Figuren einmal im Verlauf des Stücks, hat damit aber keineswegs Recht. Das dunkle und holzgetäfelte Bühnenbild zeigt einen Hausflur, in dem sich vier Treppenaufgänge aus verschiedenen Richtungen begegnen, weswegen die Gespräche sprichtwörtlich "auf der Schwelle" stattfinden. Witziges Detail: die Auf- und Abgänge erfolgen völlig planlos, wer die Szenerie rechts oben verlassen hat, kommt auf einmal wieder von links unten hinauf oder umgekehrt. Tartuffe hat irgendwie alle kopflos gemacht. Die schlichten, in Schnitt und Form in die höfische Welt entrückten, gedeckt gehaltenen Kostüme entfremden gelungen und zitieren gleichzeitig behutsam historische Anklänge an die Zeit des Sonnenkönigs (einige Männer tragen Korsett) oder an die 20er, passend, da doch auch eine Ära des Niedergangs. Dass bei Molière, in Anlehnung an die ihn damals inspirierende die Commedia dell'arte, die scheinbar dummen Bediensteten eigentlich zuerst das Spiel durchschauen und eine bedeutende Rolle bei der Einfädelung der List spielen, hat Regisseurin Mateja Koležnik deutlich herausgearbeitet, ebenso wie die typischen Versteckspiele (in der Kulisse lassen sich mehrere Türen öffnen) und das gegenseitige Belauschen oder die Angst vor dem Belauschtwerden. Dass der Wortwitz von Molière und seine im Stück angelegten menschlichen Makel auch heute noch funktionieren, zeigt diese herrlich kurzweilige und amüsante Inszenierung des Residenztheaters München, was auch das ausverkaufte Haus am letzten Mittwoch bewies. Mag sich damals das höfische Publikum bereits vor Tartuffes wahrem Gesicht erschrocken haben, so lässt er auch im Resi irgendwann seine Maske fallen. Orgon, bei seinem ersten Auftritt nur vier Worte wiederholend wählend, ist am Ende sprachlos und stumm, nicht zuletzt, weil ihn der Schlag getroffen hat. 

Aktuelle Lektüre: Rüdiger Safranski: "Romantik. Eine deutsche Affäre". 

Zuletzt gesehene Serie: "Life in pieces" (amazon prime)

Dienstag, 24. November 2009

Futuroscope

Große Freizeitparks mit möglichst hohen Achterbahnen, aufregenden Attraktionen und beeindruckenden Shows sind in ganz Europa bekannt und beliebt und jede Saison wird um die Besucher gewetteifert. Sei es das Phantasialand Brühl bei Köln, der Heide Park Soltau, der Europa Park oder das Disneyland Paris bis hin zu dem spanischen Port Aventura - Adrenalinkicks findet man genügend.

Eine ganz andere Aufgabe hat sich hingegen das Futuroscope in der Nähe von Poitiers gesetzt. Der Park hat sich zur Aufgabe gemacht, in verschiedenen Kinokomplexen auf die Wunder der Natur, auf die Rolle der Umwelt und auf die Besonderheiten des Départements Vienne und der Region rund um Poitiers aufmerksam zu machen. Das mag zwar langweilig klingen, ist es aber keinesfalls. Zum einen beeindrucken schon die futuristisch gehaltenen Gebäude durch ihre besondere und oft fremd wirkende Architektur, zum anderen lässt sich jeder Film anders erleben. So läuft in einem Kino ein Film über das Meer und seine Bewohner unter den Füßen des Zuschauers ab und gibt einem den Eindruck, zu fliegen, in einem anderen Kino werden die Bilder auf eine IMAX-Kuppel projeziert und dank einer 3D-Brille lässt sich das Gesehene hautnah erleben, ein anderes Mal bewegen sich die Sitze mit und man muss sich anschnallen, weil man unter anderem an einer haarsträubenden Autorallye quer durch das Département Vienne teilnehmen muss und die hält so einige Überraschungen bereit.

Besonders eindrucksvoll ist auch die Erfahrung "Dialogue dans le noir". Das deutsche Pendant "Dialog im Dunkeln" sorgte ja bereits des öfteren für Aufsehen und Aufmerksamkeit in der Presse und hat sich mittlerweile als feste Dauerausstellung in Hamburg etabliert. Auch im Futuroscope kann man die Erfahrung machen, wie es ist, blind zu sein. Dabei führt einen eine blinde Person durch verschiedene Räume, Geräusche aus Lautsprechern, Luftströme und unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens sorgen für ein authentisches Erlebnis. So durchläuft man unter anderem eine Parkszenerie, in der man sich sogar auf ein Boot begeben muss, um einen Fluss zu überqueren, eine Großstadt und einen Strand, auf dem man dann vor einem Sturm flüchten muss. Eine sehr intensive und eindrucksvolle Erfahrung.

Unterhaltung lässt sich also auch sehr gut mit Wissen und Lernen verbinden, wie der Park beweist, eine überaus tolle und besondere Idee. Für 32 € jedenfalls hat es sich gelohnt.

Aktuelle Lektüre: Marlen Haushofer: "Die Wand"

Mittwoch, 11. November 2009

Paris

Mal wieder in Paris gewesen und diese Stadt verliert einfach nie ihren Reiz. Auch bei schlechtem Wetter, bei Wolken, bei Sonne, bei Wind oder bei Regen. Besonders faszinierend sind die kleinen und geheimen Ecken, die man immer wieder entdecken kann oder mann kann sich einfach mal unter die Touristen mischen. Zu empfehlen sind unter anderem...

...das Café "Les deux moulins" aus dem Film "Amélie", nicht unweit des Moulin Rouge. Dort befindet sich auch das Sexmuseum. Sehr witzig und amüsant, vor allem die Stummfilmpornos aus den 20ern.
...die Seerosen von Monet in der Orangerie, im Park des Louvre. Eintauchen und genießen.
...die große Steinfigur mit der Hand vor dem Gesicht vor der Kirche Sainte-Eustache. In dieser Kirche gibt es übrigens ständig kostenlose Orgelkonzerte.
...das Centre Pompidou mit ständig wechselnden, sehenswerten Kunstausstellungen.
...die Opéra Garnier mit einer beeindruckenden Decke, die Marc Chagall bemalt hat. Hier trieb früher das berühmte Phantom sein Unwesen...
...das Quartier Latin. Billig kann man hier international essen.
...das Dalimuseum in Montmartre. Unter anderem ist dort Schmuck von ihm zu sehen, den er in Auftrag gegeben hat. Teilweise mit über 4.000 Diamanten besetzt. Im Souvenirladen unbedingt eine Puppe von berühmten Dichtern kaufen. Die sind am Kopf magnetisch.
...eine Bootsfahrt auf der Seine. Jaaa, kitschig, aber es gehört dazu.

Aktuelle Lektüre: Marlen Haushofer: "Die Wand"

Mittwoch, 4. November 2009

Das französische Sandmännchen

"Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit..." Wer kennt sie nicht, die ersten Zeilen des Lieds, mit dem immer das Sandmännchen begonnen hat. Auch in Frankreich gibt es so etwas ähnliches. Hier ist der Sandmann aber stets in Begleitung eines Bären namens "Nournours", der von seiner Wolke mithilfe einer kleinen Leiter herabsteigt, um zwei Kinder in ihrem Zimmer zu besuchen. Die müssen sich dann selbstverständlich ins Bettchen schlafen legen und der Sandmann streut von der Wolke aus seinen (recht üppig bemessenen) Sand ins Zimmer. Ich persönlich wüsste nicht, ob ich als Kind beim Anblick dieser leicht gruseligen Kinderpuppen schlafen könnte...



Da kommen gerade wieder Erinnerungen hoch. Topfavourit war bei dem deutschen Sandmännchen auf jeden Fall die lustig animierte Sendung über die beiden Schweinchen Piggeldy und Frederick. Piggeldy will immer einen Begriff erklärt haben, worauf sein großer Bruder Frederick stets von sich gibt "Nichts leichter als das" und die beiden sich gemeinsam auf den Weg machen, um eine Antwort auf Piggeldys Frage zu finden. Das ist so goldig. In der angehängten Folge geht es um das Wort "Geburtstag".



Aktuelle Lektüre: George Sand: "La Mer au Diable"

Der kleine Unterschied


Nach nun schon über vier Wochen in französischen Gefilden, ist es nun mal an der Zeit, eine kleine Liste der auffälligsten Unterschiede zwischen Deutschland und den lieben französischen Nachbarn festzuhalten - oder zwischen Frankreich und den lieben deutschen Nachbarn? Wobei auch die Gemeinsamkeiten stellenweise ziemlich witzig sind. Versuchen wir es knapp und bündig:

- bei Verkehrsverstößen werden einem hier Punkte abgezogen. Der Kontostand beträgt anfangs 12 Punkte. Wir in Deutschland "dürfen" dahingegen Punkte gewinnen.
- Weihnachtsgans? Pustekuchen. Nein, auch kein Kuchen. Austern sind der Trend unter dem Tannenbaum. Den schmückt man hier übrigens bereits Wochen vor dem Heiligabend. Eine schmackhafte Variante dazu ist Gänseleber, in feinen Scheibchen, auf dem Brot.
- ein französischer Döner ist lang und eckig, wie ein leicht exotisches Baguette. Das Fleisch ist dünner und würziger und dazu gibt es meistens Pommes. Man nimmt ihn auch nicht mit, sondern setzt sich in den Laden rein und isst den "Kebab" dort.
- Klamotten sind um einiges billiger. Auch Meeresfrüchte und Bücher. Das wars dann aber auch schon.
- rote Fußgängerampeln? Zebrastreifen? Was ist das? Lauf über die Straße, oder du wartest bis in alle Ewigkeiten...
- Neun von zehn Franzosen stehen auf Schokolade. Der Zehnte lügt.
- auch in Frankreich gibts den Mutter- und den Vatertag. Letzterer findet jedes Mal zu einem anderen Termin statt, nicht wie bei uns an Christi Himmelfahrt. Zusätzlich feiern die Franzosen den Großmuttertag.
- Tokio Hotel ist hier sehr beliebt. Noch...
- Zur Mittagspause ist das Parken in Städten oft kostenlos. Wie übrigens zahlreiche Parkplätze.
- Essen wird regelrecht zelebriert. Drei Stunden oder mehr muss man abends schon einplanen.
- sind in Kriegsfilmen die Deutschen die Bösen, sagen sie immer nur drei Wörter: "Schnell!", "Raus!" und "Papiere!"
- ja es geht. Es geht wirklich noch langsamer als die deutsche Bürokratie. Kaum zu glauben...

Aktuelle Lektüre: George Sand: "La Mare au Diable"

Montag, 2. November 2009

Nutella mal anders


Schon gewusst? Das Nutella in Deutschland und das Nutella in Frankreich unterscheiden sich voneinander und schmecken sogar leicht verschieden. Die ewige Diskussion, ob man jetzt "der" Nutella sagt, oder "das" Nutella, das sei mal dahingestellt. Hier in Frankreich hat man sich übrigens auf "la" Nutella geeinigt, schließlich muss auf sprachlicher Ebene alles seine Ordnung haben. Aber zurück zum Thema. Während in Deutschland das Nutella sehr streichfest ist (man könnte in Messer hineinstecken und es würde nicht umfallen) und es deshalb zu einer der Todsünden gehört, es in den Kühlschrank zu stellen, da es sonst steinhart ist, ist das Nutella in Frankreich unglaublich cremig und weich. Nutella Deutschland weist mehr Kakaogehalt auf, während Nutella Frankreich ein bisschen mehr Milch und Schokobutter enthält. Nutella Frankreich gleicht wirklich einer Creme und tropft sogar vom Messer. Warum nur dieser große Unterschied? Der erklärt sich ziemlich leicht: würde man ein deutsches Nutella auf ein französisches Stück Brot streichen, würde man das Baguettestückchen wohl in kleine Stücke zerreißen, denn bekanntlicherweise ist das französische Weißbrot unglaublich weich. Da muss eben ein weicheres Nutella her! Und, ehrlich gesagt, besser schmecken tut es auch ein bisschen, wenn auch nur minimal...

Aktuelle Lektüre: George Sand: "La Mare au Diable"

Samstag, 31. Oktober 2009

Schlösser der Loire


Mittlerweile sind hier Ferien und die freie Zeit bietet so einiges zum Entdecken und Erleben in der Gegend. Besonders sehenswert sind hier natürlich die Schlösser an der Loire. Ob Chenonceau, das wunderbar über dem Wasser gebaut ist und eine wunderbare Einrichtung zu bieten hat oder das kleine Schlösschen Valencay - sie alle bestechen auf ihre ganz eigene Weise mit beeindruckenden Bauten, versteckten Kostbarkeiten oder einer sehr schönen und prunkvollen Dekoration.

Chenonceau liegt beispielsweise mitten über dem kleinen Fluss Cher. Hier hielt sich auch Katharina von Medici eine Weile auf und hetzte gegen die Hugenotten, Diane de Poitiers ließ sich einen eigenen Garten anlegen. Francois I war hier oft und nach der Königsära war das Schloss ein Treffpunkt für die Literaten und Künstler. Die Einrichtung ist wirklich sehenswert und man kann von den Katakomben ganz unten, wo es die Küchenräume zu bestaunen gibt, bis ganz nach oben gehen, wo den Besucher prächtig ausgestattete Räume erwarten.

Chambord haut einen dahingegen mit seiner unglaublichen Größe um. "Nur" als Jagdschloss errichtet, beinhaltet es über 90 Räume, hunderte von Kaminen und ein eigenes begehbares Dach, auf dem man wie in einem kleinen Städtchen spazieren gehen kann. Es gilt als das prächtigste der Loire-Schlösser und im geräumigen Inneren kann man sich schon mal schnell verlaufen. Highlight ist die im Inneren befindliche Wendeltreppe, die aus zwei Spiralen besteht, die miteinander verwunden sind. So können sich zwar zwei Menschen, die auf dieser Treppe gehen, sehen, aber sich nicht begegnen. Leonardo da Vinci soll diese Treppe mitgestaltet haben.

Aktuelle Lektüre: George Sand: "La mare au diable"

Mittwoch, 21. Oktober 2009

La première escalade

Autsch, das wird in die Arme gehen, aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Heute bin ich mal einem der berühmtesten Klischees der Französischschulbücher nachgegangen und habe live und direkt ausprobiert, wie es sich so macht an der Kletterwand. Schließlich gehen Luc, Julien, Céline und wie alle anderen Charaktere aus der grünen Découvertes-Reihe oder aus anderen Exemplaren heißen mögen, in ihrer Freizeit am liebsten einem ganz bestimmten Hobby nach, das man schon in den ersten Wochen Französischunterricht lernt, wenn es darum geht, sich über Interessen zu unterhalten: "J'aime faire de l'escalade." Das Lycée ist hier sogar mit einer eigenen Kletterwand in der Turnhalle ausgestattet, nach einer kurzen Einweisung, wie man sich in Sachen Sicherheit zu verhalten hat, kann man auch schon loslegen. Holla, das geht ganz schön in die Arme. Man glaubt es kaum aber spätestens nach einer halben Stunde ist, zumindest für so untrainierte Menschen wie mich, Schluss mit lustig und man kann sich nicht mehr auf die Arme verlassen. Spaß gemacht hats trotzdem, ab jetzt wird jeden Mittwoch gekraxelt. Schließlich muss ja irgendjemand in Spidermans Fußstapfen treten ;)

Aktuelle Lektüre: Volker Klüpfl / Michael Kobr: "Erntedank. Kluftingers zweiter Fall."

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Das Geheimnis um das Sot-l'y-laisse


Wieder einmal bietet die französische Küche einige Überraschungen, so heute geschehen in der Kantine am Lycée. Wer wüsste denn von den Deutschen wohl auf Anhieb, was das "Sot-l'y-laisse" ist? Ich hätte es jedenfalls nicht gekannt, hätte ich zufällig nicht in den letzten Tagen eine der lustigen Folgen von der deutsch-französischen Sendung "Karambolage" angeschaut, die auf arte kommt und spannende und witzige Informationen über die beiden Länder liefert. So eben auch über besagte Speise. Hinter diesem besonderen Namen verbirgt sich nämlich ein besonderer Teil beim Hähnchen, nämlich ein Fleischstück aus der Schulterpartie. Auf Deutsch nennt man es auch "Pfaffenschnittchen" oder einfach nur Hähnchenfilet. Erfahrungsgemäß schmeißen die Deutschen aber das "Sot-l'y-laisse" in den Mülleimer und schneiden es gar nicht heraus. In Frankreich gönnt sich meist der in der Küche schuftende Koch beim Zerteilen des Hühnchens dieses besondere Stück Fleisch, das sehr zart und lecker ist. Wörtlich übersetzt bedeutet übrigens "Sot-l'y-laisse" in etwa "Ein Narr, wer es sein lässt", also, wer das Fleisch nicht isst, ist selbst schuld. Na dann guten Appetit!

Aktuelle Lektüre: Michael Kobr / Volker Klüpfel: "Erntedank - Kluftingers zweiter Fall"