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Mittwoch, 3. Februar 2010

Papiergeflüster


Bibliotheken sind was Tolles. Sie beeindrucken schon alleine durch ihre Atmosphäre, durch ihre Gestaltung, durch den ganz besonderen Eindruck, den sie auf einen hinterlassen. Und sie haben einen schönen Vorteil gegenüber den Buchläden: man kann sich solange darin umschauen, wie man will und muss nicht das schlechte Gefühl eines Zwangskaufes verspüren. Comics aller möglichen Genres, Hörbucher, CDs, Musik, internationale Literatur, Heimatbände, Sammelwerke, Lexika, Nachschlagewerke...außerdem riecht es schon ganz eigen. Nach Papier, nach alt, nach muffigem Teppich und ein bisschen nach viele Leute. Und jeder hält sich an diesen Flüsterkodex. In Bibliotheken wird nicht laut geredet, sondern man muss dem Zuhörer ehrfurchtsvoll etwas zuraunen oder ihm ins Ohr flüstern, wenn man etwas zu sagen hat. Denn hier haben die Bücher etwas zu sagen, es sind die Buchstaben und die Seiten, die hier ihre Geschichten erzählen. Da steht ein Senior in der einen Ecke über die neuesten Zeitungsausgaben gebeugt, im Kinderbereich starrt ein kleines Mädchen mit großen Augen in ein Bilderbuch und jemand anderes taucht gerade in die Gedichte von Prévost ab. Bibliotheken sind was Tolles. Ein kleines Vakuum in der Alltagshektik...schön, entspannend, ruhig und still. Solange man seine Signatur findet...:)

Aktuelle Lektüre: Volker Klüpfel / Michael Kobr : "Seegrund. Kluftingers dritter Fall."

Montag, 18. Januar 2010

Spannendes Lesefutter

Den Krimi, den ich derzeit gelesen habe, konnte ich jetzt einfach nicht mehr aus der Hand legen und musste noch unbedingt wissen, wie es ausgeht. Das Ende überrascht, und zwar auf voller Länge, wie genau, wird natürlich nicht verraten. "Der Finger Gottes" spielt in einem kleinen fränkischen Dorf in der Nähe von Hof, das von einer stinkreichen und einflussreichen Familie beherrscht wird und, wie Polizist und Hauptfigur Brinkmann auch bald herausfinden muss, die Vandenbergs haben einige ganz besonders prekäre Geheimnisse zu verbergen. Auch die Bewohner des kleinen Örtchens haben eine gewaltige Menge Dreck am Stecken...klingt nach Larifarihandlung, ist es aber nicht, sondern entwickelt sich in eine vollkommen ungeahnte Richtung und macht einen beim Lesen richtig wütend, denn leider sind fast alle Charaktere in diesem Buch mit der richtigen Summe Geld manipulierbar. Wie in echt eben. Schade, aber wahr. Andreas Franz schreibt unheimlich gut und intelligent, unterhaltsame Belletristik für zwischendurch. Was ihn auch noch sympathisch macht, ist seine schön aufgemachte Homepage, auf der man sich prima über ihn, sein Leben und seine Werke informieren kann...

Aktuelle Lektüre: John Updike: "Die Hexen von Eastwick"

Sonntag, 10. Januar 2010

Wort zum Sonntag N° 27

Das Wort zum Sonntag stammt heute von Marcel Reich-Ranicki und ist ein schöner Kommentar auf die Meinungen und Haltungen mancher Universitätsprofessoren...

Und die Universitätsprofessoren? Viele Germanisten schrieben damals einen Jargon, den sie für wissenschaftlich hielten, obwohl er eher auf Pseudowissenschaft schließen ließ. Ihre Arbeiten, voll von Fremdwörtern und Fachausdrücken, deren Notwendigkeit in der Regel nicht einleuchtete, waren für die meisten Leser unverständlich. Überdies hatten ihre Manuskripte bisweilen einen penetranten, einen abstoßenden Geruch: den Kreidegeruch der Seminarräume.

Aktuelle Lektüre: Andreas Franz: "Der Finger Gottes"

Samstag, 9. Januar 2010

Kritik eines Kritikers


"Ich nehme diesen Preis nicht an." Worte, die ihn wieder ins Gespräch brachten und mit denen er in den Medien für großes Aufsehen sorgte. Er gilt in der literarischen Szene als gefürchtet, was er in den Himmel lobt, muss man unbedingt lesen und was er gnadenlos verreißt, hat eigentlich keinerlei Chancen auf einen Platz auf der Bestsellerliste. Er schrieb jahrelang für "Die Zeit" und "Die Welt" und setzte mit seinem "Literarischen Quartett" im Zweiten Deutschen Fernsehen einen Meilenstein - vier Menschen diskutieren über ein Buch, ohne daraus vorlesen zu lassen, zu zitieren oder Filmeinblendungen zu zeigen. 385 Buchtitel wurden zwischen 1988 und 2001 auf diese Weise besprochen. Es gibt viele, die ihn mögen und schätzen, aber auch eine große Anzahl an Menschen, die ihn nicht leiden können.

Doch was Marcel Reich-Ranicki in seiner Biografie "Mein Leben" schreibt und berichtet, lohnt durchaus, gelesen zu werden. Nicht nur alleine der beachtliche Weg, den Reich-Ranicki in seinem Leben beschreiten musste, bis er einmal an die Position gelangte, die ihn so populär machte, sondern auch seine private Lebensgeschichte ist äußerst interessant und zeigt den Literaturmogul von bisher unbekannten Seiten. So wählte er beispielsweise selbst die Titelmelodie für das "Literarische Quartett" aus, ein Streichquartett von Beethoven - eben jener Satz, der sehr oft im Warschauer Ghetto von einem selbst und spontan gegründeten Kammerorchester gespielt wurde.
Von seinem Leben und dem harten Alltag im Warschauer Ghetto ist da die Rede, von seinem Verhältnis zu Berlin und der Theaterszene im Dritten Reich, von seinem großen Glück, das ihn vor dem Gas rettete und seinem Weg in die Literaturkritik im Deutschland der Nachkriegszeit. Sicherlich mögen einige Stellen ein wenig überraschen, etwa wenn er schreibt, dass ihm bereits als Jugendlicher die großen Fehler und Patzer in Schillers "Die Räuber" auffielen oder wenn er Karl May als einen schlechten Schreiberling abtut - da wird es passagenweise doch ein wenig hochnäsig. Doch er schreibt ebenso sehr offen über seine Vergangenheit als Jude und wie sich diese persönliche Geschichte auf sein späteres Leben ausgewirkt hat und warum er deshalb auch oft mit Vorurteilen oder sogar Fremdenfeindlichkeit zu tun hatte oder wieso er sich in manchen Situationen so benommen hat, wie man es vielleicht nicht erwartet hätte. Was Reich-Ranicki aber in der deutschen Literaturwelt und der Auseinandersetzung mit Primärliteratur alles getan und in Bewegung gebracht hat, sollte keinesfalls außer Acht gelassen werden. Monographien, Sammelausgaben, Textsammlungen, Verzeichnisse, Besprechungen, Werkausgaben, der ein oder andere Kanon, besondere Aufsatzsammlungen...die Liste ist beachtlich.

Ob nun wirklich alles, was ein Literaturkritiker von solchem Rang und Namen bewertet, auch so stimmt, muss natürlich immer fraglich bleiben. Sicherlich gibt es eine Ansammlung von Merkmalen, die Literatur in eine gute oder schlechte Richtung treiben, aber letztendlich ist das Erfahren von Literatur doch immer subjektiv, denn es liegt ganz daran, was einem ein Roman, Novelle oder Gedicht geben kann. Somit lohnt es sich durchaus auch einmal, ein Bändchen in die Hand zu nehmen, das von Reich-Ranicki abkandidelt wurde. Und "Winnetou" war gar nicht so schlecht. Zumindest die ersten drei...

Aktuelle Lektüre: Andreas Franz: "Der Finger Gottes"

Sonntag, 1. November 2009

Zehnseiten


Oft ist es der Umschlag eines Buches, der uns zum Kaufen anregt. Ein besonders gestaltetes Cover, vielleicht noch bekannte Stimmen aus Journalismus und Kulturkritik, die auf dem Einband ihre Kommentare abgedruckt haben oder ein besonders spannend formulierter Inhalt auf dem Rücken. Wie oft hätte man sich die Zeit gewünscht, einmal ein paar Seiten Probe zu lesen, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Eine besonders tolle Idee schafft da jetzt Abhilfe. Die Internetseite "Zehnseiten.de" bietet den Autoren die Möglichkeit, aus ihren eigenen Werken vorzulesen. Somit ist diese Seite zum einen eine Plattform für Nachwuchautoren oder bisher unbekannte Gesichter in der Literaturszene, aber auch bekannte und bereits erfolgreiche Autoren können hier bewundert werden, so Rafik Schami, Andrea Maria Schenkel, die mit ihrem letzten Krimi "Tannöd" wochenlang in den Bestsellerlisten war oder Benjamin Lebert. Benjamin Lebert wurde mit der Verfilmung seines Buches "Crazy" berühmt, einige Zeit lang war es still um ihn geworden, doch jetzt hat er einen neuen Roman, "Der Flug der Pelikane" veröffentlicht. Einfaches Design, stimmungsvolle Aufmachung und nur zehn vorgelesene Seiten machen neugierig auf mehr...oder eben das Gegenteil. Jedenfalls eine tolle Idee, unbedingt mal reinklicken!

Aktuelle Lektüre: George Sand: "La Mare au Diable"

Montag, 19. Oktober 2009

Deutscher Jugendliteraturpreis 2009


Es steht fest! Seit letzter Woche sind nun die Gewinner des diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreises auf der Buchmesse in Frankfurt bekannt gegeben worden. Wie jedes Jahr werden mit dieser Auszeichnung die besten Kinder- & Jugendbücher in verschiedenen Kategorien geehrt. Die Preise sind mit Geldpreisen dotiert und außerdem erhält jeder Preisträger eine Statue aus Bronze, die die kleine Momo aus Michael Endes gleichnamigen Roman zeigt. Die Preisträger 2009 sind:

Kategorie Bilderbuch:
"Geschichten aus der Vorstadt des Universums" von Shaun Tan und Dirk Rehm. Mit sehr unterschiedlichen Techniken, Bilder entstehen zu lassen, wie etwa Bleistift, Acryl, Computer oder Buntstift lässt der Zeichner und Künstler Shaun Tan unglaubliche Bilder entstehen, die dem Leser und Betrachter auch außerhalb des Buches Raum und Möglichkeit geben sollen, sich seine eigenen Geschichten auszudenken und das Gelesene und Gesehene weiterzuspinnen.

Kategorie Kinderbuch: Freudige Nachricht für Andreas Steinhöfel, denn der erste Band seiner mittlerweile sehr berühmten Kinderbuchreihe "Rico, Oscar und die Tieferschatten" wurde in dieser Sparte prämiert. Darin geht es um den tiefbegabten Rico, der zusammen mit seiner Mutter in Berlin lebt. Ja, richtig, Rico ist tiefbegabt, braucht ein bisschen länger als die anderen Kinder und ist nicht sehr leicht zu handhaben. Umso spannender wird es, als Rico auf einmal mit dem verrückten Oscar, der stets einen Helm trägt, um sich seinen Kopf nicht zu verletzten, auf spannende Verbrecherjagd kennt. Dabei liefert Andreas Steinhöfel mit gekonntem Sprachwitz und einer deftigen Portion in dieser Form neuem Humor eine unterhaltsame Story aus der deutschen Hauptstadt für Groß und Klein.

Kategorie Jugendbuch: Wieder einmal hat es Kevin Brooks geschafft, dieses Mal mit seinem Roman "The Road of the Dead". Und wieder packt er den jugendlichen Leser durch ein sehr hartes Thema: die Schwester des Hauptcharakters wurde ermordet und nun muss der Täter gefunden werden. Brooks schreibt sehr klar, direkt und scheut sich nicht vor deftiger Sprache. Auch das Thema Gewalt steht hier ganz oben und wird sicherlich noch für Diskussionen sorgen.

Kategorie Sachbuch: Der Preis für das beste Sachbuch geht dieses Mal an Wolfgang Korn und Klaus Ensikat für "Das Rätsel der Varusschlacht". Im Mittelpunkt dieses Werks steht eine Schlacht aus dem Jahre 9 nach Christus, zwischen Varus und Arminius. Korn versucht zu vermitteln, wie man Quellen deuten kann und was dabei zu beachten ist und inwiefern Historiker und Archäologen zusammen arbeiten und stellt auf humorvolle Weise diese beiden so unterschiedlichen Wissenschaften kindgerecht vor.

Preis der Jugendjury: Der Preis der Jugendjury geht dieses Mal an den bereits in England und Amerika sehr erfolgreichen Roman "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak. Die Geschichte spielt zur Zeit des Dritten Reichs unter Hitler und berichtet von einem kleinen Mädchen namens Liesel, das sich vor den Nazis verstecken muss und dabei so einige interessante Geschichten erlebt.

Ein sehr vielfaltiges Bild also wieder einmal, inwiefern diese Bücher bei den jungen Lesern ankommen werden, wird sich mit der Zeit zeigen.

Aktuelle Lektüre: Volker Klüpfel / Michael Kobr: "Erntedank. Kluftingers zweiter Fall."

Sonntag, 26. April 2009

Die Mitte der Welt

Wenn er aus seinen Büchern vorliest, dann ist es mucksmäuschenstill. Er weiß zu fesseln und zu begeistern, kann mit seiner Stimme umgehen und die Zuhörer für sich gewinnen. Gerne sorgt er für tosendes Gelächter, indem er einen lustigen Spruch macht oder wenn er über eine besonders witzige Stelle in seinem Buch stolpert. Seine Kinder- und Jugendbücher verkaufen sich in großen Mengen, für "Die Mitte der Welt" wurde er mit zahlreichen Preisen überhäuft, sein Name steht für intelligente aber unterhaltsame Literatur: Andreas Steinhöfel war am Mittwoch in der Uni Würzburg zu Gast und las aus seinen beiden Büchern, die sich um die Berliner Jungs Rico und Oskar drehen. Rico ist tiefbegabt und daher ein wenig langsam und schwer von Begriff, geht auf eine Sonderschule und seine Mutter arbeitet als Prostituierte. Rico beobachtet seine Umwelt ganz genau und dokumentiert alles in seinen Einträgen auf dem Computer. Er ist auch der Erzähler der Geschichte. Oskar hingegen ist hochbegabt, hat dafür aber gewaltig einen an der Klatsche. Aus Angst, sich überall zu verletzen, trägt er aus diesem Grund immer einen überdimensional großen Motorradhelm. Was die beiden für verrückte Abenteuer erleben, schildert Andreas Steinhöfel in seiner typisch frechen und ausgeflippten Schreibe. Ergänzend plauderte der Autor noch aus dem Nähkästchen, weswegen wir einige interessante Dinge aus dem Verlags- und Agentenalltag erfuhren. Kinder- und Jugendbuchliteratur wird zum einen zwar noch immer belächelt und ist längst nicht so hoch angesehen wie beispielsweise in England oder in Frankreich, bleibt jedoch auch in Deutschland noch immer eine gute Gelegenheit für rücksichtslose Geldmacherei. Dass dabei Qualität oder Eigenwillen des Autors manchmal zurückstecken müssen, ist keine Seltenheit und so entwickeln sich so manche Charaktere in Büchern nicht so, wie es der Autor gerne geplant hätte, sondern wie es der Verlag wünscht. Andreas Steinhöfel lässt solche Sachen nicht mit sich machen, sondern zieht sich bei solchen Angeboten sofort aus der Affäre. Doch manchmal wird auch ziemlich rücksichtslos mit einem umgegangen, wie er selbst erfahren musste, denn bei der Verfilmung seines Buches "Es ist ein Elch entsprungen" kippten die Produzenten kurzerhand sein Skript und drehten ihr eigenes - böses Erwachen für Steinhöfel an der Premiere. Das Werk soll übrigens bald neu verfilmt werden und dieses Mal ganz im Sinne des Buches und des Autoren. Am Ende gab es Signierstunde und ich habe mir es natürlich nicht nehmen lassen, mein mitgebrachtes Exemplar von "Die Mitte der Welt" signieren zu lassen.

Aktuelle Lektüre: Georg Büchner: "Leonce und Lena"