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Samstag, 29. Dezember 2018

Filmkritik: "Mary Poppins Rückkehr"

Dank der Traumfabrik Disney ist sie seit 1964 wohl das berühmteste Kindermädchen aller Zeiten, ihre Schattensilhouette mit Regenschirm, Hütchen Zaubertasche und den charakteristisch gespreizten Füßen hat Generationen von Kindern verzaubert und beim Großwerden begleitet. Mary Poppins verdanken wir die augenzwinkernd geäußerte, aber ernst zu nehmende Mahnung, das innere Kind nie zu vergessen oder zu negieren und sicherlich hat jeder, der den Film liebte, schon mal in einem unbeobachteten Moment versucht, durch Fingerschnippen das Zimmer aufzuräumen oder den gemeinen Lehrer durch einen Lachanfall an die Decke schweben zu lassen. Ein wenig Neid verspürte man wahrscheinlich auch gegenüber den Kindern Jane und Michael, denen das hohe Glück zuteil wurde, mit einer so coolen erwachsenen Freundin in Kreidebilder zu hüpfen, Trickfilmtiere zu treffen oder über die Dächern der nachtruhenden Stadt zu tanzen. Und hätte es Richard M. Sherman und Robert B. Sherman nicht gegeben, wären wir um ein paar Ohrwürmer ärmer, um nur exemplarisch "Chim Chim Cheree" und "Superkalifragilistikexpialigetisch" zu nennen. 

Quelle: filmstarts.de
Nun läuft, passend zur Weihnachtszeit, "Mary Poppins Rückkehr" in den Kinos an. Auch wenn die Trailer vorab überzeugten und neugierig machten, so stellt man sich doch die kritische Frage, ob dieser Film es schafft, mit einem Klassiker, der sich nun schon über 50 Jahre lang hält, Schritt zu halten oder ob das Sequel nur zu einem kommerziellen qualitativ schlechteren zweiten Teil gerät. Das Regieteam um Rob Marshall und Filmkomponisten Marc Shaiman und Scott Wittman sind wohl erkennbar selbst mit der ersten Mary Poppins groß geworden und auch die restliche Crew wie Ausstatter, Requisiteure, Beleuchter und Kostümbildner scheinen sich mit der Mitwirkung an diesem Film einen Kindheitstraum erfüllt zu haben, die zauberhafte Welt der Poppins wieder zum Leben zu erwecken. 

Wie der erste Teil basiert auch die Fortsetzung auf einem Roman von P.L. Travers. Jane und Michael, die Kinder aus dem ersten Teil, sind mittlerweile erwachsen geworden, Michael hat selbst Kinder, die aber keine unbeschwerte Kindheit wie einst ihr Vater und ihre Tante genießen können, denn vor einem Jahr verstarb die Mutter der drei und sie müssen im Haushalt entsprechend viel Verantwortung mittragen. Zusätzlich ist das schmucke Anwesen im Kirschbaumweg 17 von der Pfändung bedroht, weil Michael Banks Schulden hat. Als einziger Ausweg bleibt ein Anteilsschein seines Vaters, der aber bis zum Ende der Woche bei der Bank vorgelegt werden muss, sonst muss die Familie das Haus räumen. Wie gerufen taucht in diese Krisenstimmung Mary Poppins auf und nimmt die Kinder unter ihre Obhut. Doch auch das "Kind" Michael Banks findet dank ihr wieder zu seinem inneren Jungen zurück...

Die bunte Wundertüte, in die uns Mary Poppins entführt, läuft wieder über vor knalligen, poppigen und verrückten Ideen, aber erfreulicherweise stets ohne den ersten Teil nur zu kopieren. Das ungeliebte Baden gerät zu einem verrückten Ausflug ins Meer, direkt durch eine schier bodenlose Badewanne, in der Keramikschale der verstorbenen Mutter warten Trickfilmtiere und ein waghalsiges Kutschenrennen und die berühmten Schornsteinfeger werden durch die tanzenden Laternenanzünder anzitiert - man bekommt sofort Lust, durch ein nebliges nächtliches London zu tanzen. Emily Blunt verleiht der Mary Poppins eine liebevolle, eigene und charmante Note, es hätte ja auch zu plump gewirkt, Julie Andrews nachmachen zu wollen. Die Musik greift die Stimmung des Klassikers gekonnt auf und setzt neue Akzente, es gibt zudem ein Wiedersehen mit Dick van Dyke in einer Gastrolle, Meryl Streep hat einen Auftritt, dem sie sich mit sichtlich kindlicher Begeisterung hingibt und auch im zweiten Teil wird geflogen, an die Decke gegangen, gesteppt, das Treppengeländer hochgerutscht, der Admiral knallt wieder Kanonenkugeln vom Dach und vieles mehr. Disney wird mit diesem Film wieder seinem unvergesslichen und einzigartigen magischen Zauber gerecht und mahnt uns, die eigenen Spinnereien und Kindereien nicht völlig aufzugeben - Walt hätte dies sicher unterschrieben. Erfreulicherweise klappt auch die Verbindung moderner Spezialeffekte mit klassischen Trickfilmfiguren oder wunderbar choreografierten Tanzszenen. Und gesungen wird auch eine Menge, aber das ist eben typisch Mary Poppins und typisch Disney. Eine Reise in eine altbekannte Wunderwelt, der man sich nur zu gerne hingibt und am Ende mit einem flauen Gefühl im Magen feststellen muss, dass es Zeit ist, sich von Mary Poppins wieder verabschieden zu müssen, wenn der Wind sich gedreht hat.

Aktuelle Lektüre: Giancarlo de Cataldo & Carlo Bonini: "Suburra"

Zuletzt gesehene Serie: "Better call Saul" (Netflix)

Samstag, 27. Januar 2018

Molières "Tartuffe" im Residenztheater München

"Und Tartuffe?" - "Der Gute!". Erfüllt von Bewunderung fällt dem Hausherren Orgon (wie immer ungemein authentisch: Oliver Nägele) nach seiner Heimkehr vorerst nichts anderes ein, was er sagen könnte. Schließlich hat er an Tartuffe (Philip Dechamps) einen Narren gefressen und hält ihn für eine ausgezeichnete Partie für seine Tochter Mariane (Förderpreis 2017-Preisträgerin Nora Buzalka), auch wenn die ihr Herz an Valère (Gunther Eckes) verloren hat, sich aber letztendlich dem Willen des Patriarchen zu beugen hat. Was Orgon jedoch nicht ahnt: Tartuffe, einst als Taugenichts von der Straße geholt, hat sich längst zum heimlichen Chef des Hauses aufgeschwungen und sich auch Orgons Ehefrau Elmire (Sophie von Kessel) genähert. Für Mariane und ihre schlaue Zofe Doriane (mit herrlich trockenem Humor: Charlotte Schwab) steht fest: Tartuffe muss weg! Man versucht sich in einer Intrige, um Orgon die Augen zu öffnen...

"Hier ist ein Ort, an dem wir ungestört reden können", sagt eine der Figuren einmal im Verlauf des Stücks, hat damit aber keineswegs Recht. Das dunkle und holzgetäfelte Bühnenbild zeigt einen Hausflur, in dem sich vier Treppenaufgänge aus verschiedenen Richtungen begegnen, weswegen die Gespräche sprichtwörtlich "auf der Schwelle" stattfinden. Witziges Detail: die Auf- und Abgänge erfolgen völlig planlos, wer die Szenerie rechts oben verlassen hat, kommt auf einmal wieder von links unten hinauf oder umgekehrt. Tartuffe hat irgendwie alle kopflos gemacht. Die schlichten, in Schnitt und Form in die höfische Welt entrückten, gedeckt gehaltenen Kostüme entfremden gelungen und zitieren gleichzeitig behutsam historische Anklänge an die Zeit des Sonnenkönigs (einige Männer tragen Korsett) oder an die 20er, passend, da doch auch eine Ära des Niedergangs. Dass bei Molière, in Anlehnung an die ihn damals inspirierende die Commedia dell'arte, die scheinbar dummen Bediensteten eigentlich zuerst das Spiel durchschauen und eine bedeutende Rolle bei der Einfädelung der List spielen, hat Regisseurin Mateja Koležnik deutlich herausgearbeitet, ebenso wie die typischen Versteckspiele (in der Kulisse lassen sich mehrere Türen öffnen) und das gegenseitige Belauschen oder die Angst vor dem Belauschtwerden. Dass der Wortwitz von Molière und seine im Stück angelegten menschlichen Makel auch heute noch funktionieren, zeigt diese herrlich kurzweilige und amüsante Inszenierung des Residenztheaters München, was auch das ausverkaufte Haus am letzten Mittwoch bewies. Mag sich damals das höfische Publikum bereits vor Tartuffes wahrem Gesicht erschrocken haben, so lässt er auch im Resi irgendwann seine Maske fallen. Orgon, bei seinem ersten Auftritt nur vier Worte wiederholend wählend, ist am Ende sprachlos und stumm, nicht zuletzt, weil ihn der Schlag getroffen hat. 

Aktuelle Lektüre: Rüdiger Safranski: "Romantik. Eine deutsche Affäre". 

Zuletzt gesehene Serie: "Life in pieces" (amazon prime)

Sonntag, 29. Mai 2011

Berliner Theatertreffen 2011

Schon ist es wieder vorbei, das diesjährige Theatertreffen, das vom 06. bis zum 23. Mai 2011 in Berlin stattfand und mit einigen Überraschungen aufwarten konnte. Dazu zählt beispielsweise, dass nicht nur große und namhafte Produktionen / Bühnen eingeladen wurden, sondern unter anderem auch die Perfomancegruppe She She Pop oder die kleine Ballhaus-Bühne aus Berlin.

Dass das Kölner Schauspiel gleich mit zwei Produktionen unter der Leitung von Erfolgsregisseurin und Intendantin Karin Beier vertreten war, dürfte wohl nicht allzusehr verwundern. Elfriede Jelinek höchstpersönlich arbeitete mit ihr zusammen, um die Inszenierung von "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" auf die Bühne zu bringen, in der das Element Wasser eine ganz entscheidende Rolle spielt - von den Schauspielern aus Flaschen getrunken und ausgespuckt, stürzt es letztendlich in großen Kaskaden von oben herunter und flutet die Bühne - Anspielungen auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und die Hybris des Menschen gegenüber der Natur sind da keinesfalls unbeabsichtigt. Dreieinhalb Stunden dauert das Spektakel, in der die Kölner Lokalpolitik so einiges einstecken muss und das Ensemble sprichwörtlich baden geht.


Besonders von sich reden machte auch "Verrücktes Blut". In diesem Stück zwingt eine Deutschlehrerin eine widerspenstige Klasse aus pubertierenden Arabern und Türken mit einer Pistole in der Hand dazu, Schillers "Räuber" aufzuführen, selbst wenn man dazu einem der Schüler in die Hand schießen muss. Dass es dabei mehr als um den Clash verschiedener Kulturen geht, ist klar - sind doch Themen wie Integration und die muslimische Welt brandaktuell. Doch soll man eigentlich noch von Integration sprechen, wenn die Generation der Einwanderer und Gastarbeiter bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen ist? Wo stehen diese Jugendlichen? Geht es nicht viel mehr um Grenzverschiebungen, um Akzeptanz und Umdenken?

Auch die Perfomancegruppe She She Pop widmete sich einem sehr aktuellen Thema, nämlich dem Altwerden, dem Altsein, dem Miteinander der Generationen. Aus diesem Grund wurden die betagten Väter der Schauspieler zum Teil des Bühnengeschehens und erreichten somit eine ganz besondere Realität, die auch die an Shakespeares "King Lear" angelehnte Rahmenhandlung nicht mehr verbergen kann. Offenbarung und Selbstdarstellung sind da greifbare Begriffe, die Grenzen zwischen aufgesetzter Rolle und realer Persönlichkeit sind fließend.

Posthum wurde Christoph Schlingensief nochmals Thema. Sein Projekt "Via Intolleranza II" zeigt, was sein Projekt in Burkina Faso alles angestoßen hat - die Idee, ein Dorf zu errichten, in dem es um Kultur und Bildung geht, ist noch nicht gestorben, die Bauarbeiten gehen weiter, bald soll die Schule eröffnet werden.

Wieder einmal zeigt das Theatertreffen, wie hochaktuell, wie brisant, wie real Theater sein kann und wie wichtig es ist, aktuelles Geschehen auch auf die Bühne zu holen. Daran könnten sich andere Schauspielhäuser durchaus ein Beispiel nehmen. Vielleicht füllen sich dann auch wieder die Reihen...

Aktuelle Lektüre: Theodor Fontane: "Der Stechlin"

Quelle der Bilder: Homepage Theatertreffen

Samstag, 25. Dezember 2010

"Die lustigen Weiber von Windsor" in der Werkstattbühne Würzburg


Sir John Falstaff hat nicht mehr viel zu lachen, seid die beiden Damen Ford und Page sein billiges Spiel durchschaut haben – beide erhielten von ihm vollkommen identische Liebesbriefe und beschließen nun, sich an Falstaff zu rächen. Zur Seite stehen ihnen dabei die gewitzte Wirtin aus Falstaffs Lieblingsschänke und ein beflissenes Dienstmädchen, das aus dem ganzen Trubel auch noch eigenen Profit zu ziehen weiß.


Doch damit nicht genug, es gibt noch einen weiteren Handlungsstrang: die kleine Anne Page sieht sich vor drei verschiedene Liebhaber gestellt, die sie umwerben und ihre Meinung stimmt auch leider nicht mit der ihrer Eltern überein. Kann sie letztendlich den mittellosen Fenton als Ehemann gewinnen?


Die Motive sind keine neuen typisch Shakespeare eben: Liebe, List, Eifersucht, Geliebtseinwollen, Schadenfreude…und wie so oft durchschauen die einfachen Diener und das Gesindel das Spiel zuerst, Liebespaare, die zusammen gehören, finden sich natürlich auch und die Männer bleiben letztendlich die Gehörnten, an der Nase herumgeführt von ihren pfiffigen Gattinnen. Wieso dann überhaupt noch anschauen?


Eben weil es so viel Spaß macht, bei diesem Reigen zuzusehen und weil das stimmige Ensemble der Werkstattbühne einhellig die Spielfreude in den Publikumsraum hinüberwandern lässt. Das „Weiberduo“ Dagmar Schmauß und Ulla Seebode spielt sich wunderbar die Bälle zu und ihr Gelächter scheint mehr als nur gespielt zu sein, wenn sie wieder einmal Wolfgang Stenglin als Falstaff, ausgestattet mit hübscher Perücke und stets vergeblich bemüht, sich aus dem Schlamassel zu retten, in die Irre führen. Doch auch die Nebenfiguren brillieren, wie etwa Christof Stein als Simpel, Tobias Illing als herrlich affektierter französischer Doktor oder Stephan Ladnar, der dem walisischen Pfarrer überzeugend Leben einhaucht. Auch Maria Papadimitrou in der Rolle des Dienstmädchens oder Cornelia Wagner als hübsch burlesk gekleidete Wirtin verleihen dem Schabernack ein sympathisches Gesicht.


Der Truppe ist ein buntes Verwirrspiel gelungen, in dem sich alle miteinander verstricken, mitmischen, profitieren oder leer ausgehen und am Ende löst sich doch alles zum Guten. Shakespeare funktioniert auch dieses Mal – sogar in einem kleinen engen Keller mit bescheidenem Bühnenbild und wenig Requisiten. Die sind auch gar nicht nötig, denn die Figuren nehmen sich den Platz, der noch da ist und das mit vollem Recht.

Das Stück läuft noch bis zum 22. Januar immer Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag. Danach ist die „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo zu sehen.


Aktuelle Lektüre: Reif Larsen: "Die Karte meiner Träume"


Montag, 1. November 2010

Ziemlich heilig...

Schön war es, einmal wieder ein langes Wochenende zu haben. Allerheiligen sei Dank. Doch wer weiß genau, was sich hinter diesem Feiertag verbirgt? Warum müssen wir nicht arbeiten, sondern können noch einen gemütlichen Tag einschieben. Und wieso erzählen uns einige Bekannte, dass sie an diesem Feiertag auf den Friedhof gehen und die Gräber ihrer verstorbenen Verwandten besuchen?


Allerheiligen hat jedenfalls keinen Bezug zu einem biblischen Ereignis wie etwa Ostern, Pfingsten oder Weihnachten. Vielmehr liegt Allerheiligen in der christlichen Tradition - weil es mit der Zeit zu aufwendig war, jedem Heiligen an seinem speziellen Tag zu huldigen, einigte man sich im Lauf des ersten Jahrhunderts auf einen Tag, an dem allen Heiligen die gleiche Ehre erwiesen werden sollte. Dieser Tag galt "der Jungfrau Maria und allen Märtyrern". Auf die Gräber geht man eigentlich erst an Allerseelen, das am Tag darauf, am 2. November statt findet. Durch Fürbitten und Gebet sollte an diesem Tag das Leiden der armen Seelen erleichtert werden. Damit verbunden war auch die Gräbersegnung. Mit der Zeit wurde dies aber auch am Allerheiligenfest durchgeführt.

Am 31. Oktober feiert man dahingegen Halloween in Amerika und anderen Ländern Europas. Das Wort "Halloween" kommt von der Bezeichnung "All Hallows Eve" und bezeichnet damit den Vorabend von Allerheiligen, was wieder Bezug zum heutigen Feiertag herstellt.

Wieder ein bisschen unnötiges Wissen, mit dem sich in der nächsten Woche klugscheißen lässt...freuen wir uns auf vier Tage bis zum nächsten Wochenende.

Aktuelle Lektüre: Jonathan Littel: "Die Wohlgesinnten"

Sonntag, 30. Mai 2010

"Von Mäusen und Menschen" im Mainfrankentheater

Mit "Früchte des Zorns" verschaffte er sich endgültig einen Namen und gewann 1940 den Pulitzer-Preis, in den 60er Jahren folgte der Nobelpreis für Literatur. Er zählt zu den größten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Die Rede ist von John Steinbeck. Basierend auf seiner Novelle "Von Mäusen und Menschen" wurde eine Bühnenfassung erarbeitet, die derzeit im Mainfrankentheater zu sehen ist. Eine tolle, sehenswerte und sehr gelungene Produktion kurz vor der Sommerpause, die man sich noch anschauen sollte.

Das Stück behandelt auf sehr kritsche Weise die Idee des "American Dream". Wie so viele träumen auch die beiden Wanderarbeiter George und Lennie davon, sich irgendwann einmal mit angespartem Geld auf einem eigenen Stück Land niederlassen zu können. Doch die Realität auf den Farmen und der harte Arbeitsalltag rücken diesen Traum in kaum erreichbare Ferne, zudem hat Lennie noch ein ganz anderes Problem: er ist geistig zurückgeblieben, dafür aber bärenstark, weiß aber nur leider nicht mit dieser Kraft umzugehen. So zerquetscht er ausversehen Mäuse, wenn er sie streicheln will, weil er alles mag, was samtig und weich ist und diese ausgeprägte Vorliebe sorgte auch dafür, dass er und George von der letzten Farm flüchten mussten, weil die Frau des Farmbesitzers dachte, Lennie wolle sie vergewaltigen - derweil wollte er nur ihr Kleid anfassen.
George und Lennie kommen an eine neue Farm, die unter Fuchtel des Juniorchefs Curley steht. Curleys Frau treibt sich ständig in der Baracke herum, sucht das Gespräch, braucht "einfach mal jemandem zum Reden", sie selbst bleibt allein in dieser Männerwelt. Auch ihr Haar ist sehr weich und Lennie interessiert sich bald für sie...
Eintönig und hart ist die Arbeitswelt auf der Farm. Auf Rumhängen folgt Arbeiten, gefolgt von Rumhängen. Puffbesuche am Wochenende, Kartenspielen sind die seltenen Höhepunkte. Diese Tristesse spiegelt sich auch im Bühnebild wieder - eine drehbare Scheune, schlicht, farblos, kahl und unfreundlich. Man muss viel ertragen und einstecken können, braucht eine dicke Haut und starke Ellenbogen. So jemand wie Lennie ist da Fehl am Platz. Wer schwach ist, oder anders, zum Beispiel auch aufgrund seiner Hautfarbe, wird zum Außenseiter und von den anderen gemieden. Gefühle oder Zuneigung sind fehl am Platz, das muss Maria Vogt als Frau des Chefs sich sehr bald eingestehen und Träume zu haben, ist ohnehin Zeitverschwendung. Das erkennt ausgerechnet der schwarze Außenseiter Crooks (toll: Issaka Zoungrana), der, getrennt von den anderen, im Stall übernachten muss, unter seinem Fenster den Misthaufen.


Klaus Müller-Beck mimt den tapsigen Lennie, der wie ein großes Kind wirkt, brilliant und sehr überzeugend - die Hände kneten stets den Saum des Hemds, unruhiges Hin- und Herwiegen, Finger in die Ohren, wenn es laut wird. Eine grandiose und sicherlich keineswegs einfache Leistung, die einen großen Teil des Stücks trägt. Auch Christian Manuel Oilveira gibt den zurückgebliebenen und verstümmelten Candy glaubwürdig, ohne jemals zu überziehen. Georg Zeies erträgt als George die Eigenarten Lennies auf eine ruppige, bisweilen cholerische, aber doch fürsorgliche Weise und nimmt den großen Tölpel auch in Schutz, wenn es sein muss.

Obwohl das Stück schon zahlreiche Jahre alt ist, hat Regisseur Christoph Diem der Produktion einen zeitlosen und aktuellen Charakter verliehen, der bewegt und beschäftigt, nicht zuletzt der Schluss des Stücks geht auch dank der Leistung der Schauspieler unter die Haut und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sollte man nicht verpassen.

Aktuelle Lektüre: Friedrich Dürrenmatt: "Der Richter und sein Henker"

Quelle der Bilder: Homepage Mainfankentheater

"Verzeihung, Ihr Alten" im Mainfrankentheater


Ans Altwerden denkt eigentlich keiner gerne. Ans Sterben schon mal gar nicht. Doch für die Bewohner der Altenpension "Frydendal" sind diese Themen allgegenwärtig. Christian Lollike bringt mit seinem Stück "Verzeihung Ihr Alten, wo finde ich Zeit, Liebe und ansteckenden Irrsinn?" ein Thema auf die Theaterbühne, über das man sich lieber auszuschweigen pflegt. Doch was, wenn man selbst einmal vor der Wahl steht, was man mit pflegebürftigen Eltern oder Ehepartnern zu tun hat? Was denken die Alten eigentlich? Und wovon träumen sie?
Don Otto und Biermann jedenfalls erträumen sich beim heimlichen Zigarrenrauchen im Garten Reisen in ferne Länder, an Strände und unter Palmen und wollen schließlich einen Turm bauen, um über die Ländereien schauen zu können. Frau Frauke, die engagierte Leiterin des Heims, ist gleich Feuer und Flamme für dieses Projekt, denn sie erhofft sich, auf diese Art "Frydendal" einen Namen zu verschaffen. Währenddessen verliebt sich der Pfleger Valentin in die Kleptomanin Vera, während seine anderen beiden Kollegen die Heimsbewohner bestehlen und ihre Beute im Garten verstecken. Der ganze Trubel kann der Sängerin gar nichts anhaben, sie wankt stets mit ihrer Windel über die Bühne, herausgeputzt wie für einen Opernauftritt. Und trotz Demenz, Altersschwäche und Flüssignahrung, scheint die Freude am Leben noch nicht verloren gegangen zu sein.
Das Stück ist anders, keine Frage, erhielt aber von der "Mainpost" zu Unrecht eine schlechte Kritik. Klar, das Thema ist unangenehm, vielleicht auch weil es früher oder später jeden betrifft. Christian Lollikes Stück ist zwar sehr direkt, kann aber durch gezielt gesetzte Pointen und einen augenzwinkernden Blick auf die Sorgen, Nöte und Ängste des Altwerdens den Stoff ein wenig verdaulicher gestalten. Die Würzburger Inszenierung bleibt dem auch treu und selbst wenn laut Pflegern "da Kacke auf dem Boden" liegt oder die Sängerin ihre Windel hinter sich her schleift (laut Regieanweisung ist sie eigentlich vollgeschissen), kommen noch keine Ekelgefühle auf. Die Inszenierung von Deborah Epstein erhält zusätzlichen Charme durch die beiden kleinen Kinder, die die Regieanweisungen verlesen und bewusst die Barriere zwischen Schauspiel und den damit verbundenen Anweisungen durchbrechen. Auch die Schauspieler fallen manchmal kurz aus ihrer Rolle und wenden sich dem Publikum zu.

Maria Brendel gibt die sprichwörtliche Glucke, die sich um ihre Lieben kümmert und es sich nicht nehmen lässt, die Anwesenden gerne mehrmals zu begrüßen, sei es durch ständiges "Mahlzeit!" oder "Morgen!" und gibt sich die größte Mühe, es den Bewohnern von "Frydendal" so angenehm wie möglich zu machen. Georg Zeies als Biermann und Max de Nil als Don Otto sorgen für einige Lacher und erinnern manchmal an die beiden Muppet-Opas vom Opernbalkon, während Maria Vogt der alten Kleptomanin Vera auf liebevoll-komische Art Leben einhaucht. Anne Simmering schwebt als Opernsängerin in ihrer ganz eigenen Welt und gewinnt sehr bald die Gunst des Publikums. Ein sehr schön umgesetztes und gegenwartsdramatisches Stück, das mit seinem ganz eigenen Charme und seinem Tiefgang zu begeistern weiß.

Letztmals ist die Produktion am 05. Juni zu sehen.

Aktuelle Lektüre: Friedrich Dürrenmatt: "Der Richter und sein Henker"

Quelle der Bilder: Mainpost


Samstag, 22. Mai 2010

Ein Handygespräch als Musical


Die Theaterwelt blickt derzeit wieder nach Berlin, wo seit einigen Tagen das alljährliche Theatertreffen statt findet. Zahlreiche namhafte Regisseure und Produktionen wurden wieder in die Hauptstadt eingeladen, wie etwa Roland Schimmelpfennigs Stück "Der Goldene Drache" (zu sehen heute Abend auf 3sat) oder Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" aus dem Burgtheater Wien. Gleich mit drei Stücken ist das Schauspiel Köln angereist, ebenso kreative Jungautoren, alte Hasen und natürlich viel Prominenz. Gegenwärtiges Thema auf den Bühnen ist natürlich die Wirtschaftskrise und es wird vielerorts gemunkelt, dass die Schauspielhäuser in dieser doch recht verfahrenen Situation wieder zu ihrer ursprünglichen Aufgabe als "moralische Anstalt" zurückfinden - Themen, die die Gesellschaft bewegen, aufgreifen, verarbeiten, kritisieren, anprangern. So ist es auch kaum verwunderlich, dass sich sehr viele der eingeladenen Produktionen mit diesem Thema auseinandersetzen. Wer die begehrten Preise bekommen wird, ist heute Abend ebenfalls auf 3sat zu sehen.

Doch auch internationale Gruppen und Produktionen bekommen Gelegenheit, sich auf der Plattform in Berlin zu präsentieren, eine davon ist das "Nature Theatre of Oklahoma". Diese Truppe verzichtet bewusst auf große Effekte, spannende erfundene Handlungen und fiktive Charaktere - das wahre Leben steht im Vordergrund und die Wirklichkeit soll auf die Bühne gebracht werden. So wunderte sich Kristin Worral, eine Freundin des Regisseurs Pavel Liska nicht schlecht, als sie von ihm einen Anruf auf ihr Handy erhielt und er sie bat "Erzähl mir dein Leben!". Das tat Kristin dann auch, blieb über 16 Stunden an der Strippe und berichtete ihre gesamte durchschnittsbürgerliche Biografie, Pavel zeichnete alles auf. Daraus entstand dann "Life and Times", die erste Folge "Episode 1" wurde auf dem Theatertreffen in Berlin gezeigt. Pavel Liska und seine Regiekollegin Kelly Copper transkribierten die gesamte Erzählung von Kristin Stück für Stück in sangbare Texte - die Authentizität wurde aber dabei gewahrt. Nichts wurde gekürzt, "ums" und "ehms" wurden beibehalten. In "Episode 1" wurden Kristins erste sechs Jahre erzählt, über drei Stunden dauert das. Von "realistischem Musiktheater" ist hier die Rede, mit den Klischees um die gängigen Broadwayshows wird bewusst aufgeräumt. "Episode 2" wird im Burgtheater Wien aufgeführt werden. Eine witzige Idee, über die sich sicherlich streiten lässt. Bewusst wird das Laienhafte, das durchschnittliche in den Vordergrund gerückt, in dem sich das Publikum wieder erkennen soll - Kristins Geschichte weist sicherlich zu jedem mindestens eine Parallele auf. Schon 2008 erhielt die Gruppe in Europa eine Auszeichnung und ist derzeit auf dem Weg nach oben - wir dürfen gespannt sein.

Aktuelle Lektüre: Frank Wedekind: "Lulu"

Sonntag, 18. April 2010

"Goscior - der Zwischenweltler" am Mainfrankentheater


"Schönen Gruß aus'm Wald!". Mit dem Musical "Goscior - der Zwischenweltler" wartet das Mainfrankentheater Würzburg derzeit auf und entführt den Zuschauer mit einem wahren Effektspektakel in eine ganz andere Welt, nämlich in die Welt der Kobolde. Bernhard Stengele, der wieder einmal sein Händchen für flotte, eingängige und sehr gelungene Inszenierungen beweist, holt das gesamte Schauspielensemble des Mainfrankentheaters Würzburg auf die Bühne und erzählt eine mitreißende, amüsante und witzige Geschichte mit zahlreichen einfallsreichen Seitenhieben auf aktuelles Zeitgeschehen. Spritzige und genrelose Live-Musik einer Band mit Koboldmasken, ein einfaches, aber wirkungsvolles und schnell wandelbares Bühnenbild und sehr aufwändige, toll gestaltete Masken leisten ihren Beitrag zum Gelingen des in Würzburg welturaufgeführten Musicals "Goscior - der Zwischenweltler" aus der Feder von Frank Felicetti, der in Koboldmaske als Dollock gleich noch selbst eine Rolle übernimmt.

Die Handlung ist eher einfach und teilweise so klischeegerecht, dass man sich fragen könnte, wie dabei noch ein gutes Musical herauskommen soll: George und seine Freundin Maria gehen im Wald spazieren und entdecken einen roten Kristall, der den Kobolden gehört. Natürlich wissen die beiden das nicht, weil ja Menschen nicht an Kobolde glauben, und stehlen den magischen Stein, was den Zorn der Waldbewohner zur Folge hat. Während Maria mit dem Stein fliehen kann, wird George zur Strafe in Goscior verwandelt, ein Wesen zwischen Mensch und Kobold, das zwar aussieht und spricht wie ein Kobold, aber auch in der Menschenwelt sichtbar ist und keinerlei magische Kräfte besitzt. Natürlich will Goscior wieder zu George werden und macht sich auf in die Menschenwelt, um den Stein zurückzuholen. Leichter gesagt als getan, denn in der hektischen und grauen Großstadt ist kein Platz für Kobolde und Magie, außerdem kann sich Goscior nicht in der Menschensprache verständigen. Zur Seite stehen ihm die Rechtswächterin Rinja und Dollock. Und natürlich gibt es da noch eine uralte Prophezeiung, dass da eines Tages einer kommen wird, der als Bindeglied zwischen der Welt der Menschen und der der Kobolde dienen wird, denn einst lebten beide Völker zusammen, ja, waren gar nur ein Volk. "Doch die Menschen glauben nicht mehr an uns", beschwert sich Rinja, "sie haben keinen Sinn mehr für Magie." Goscior alias George gerät selbst in einen Gewissenskonflikt, denn er steht bald zwischen zwei Seiten...

Nun ja. Wie gesagt, Handlung eher 08/15. Das Motiv "Eindringling in fremde Welten und anschließender Gewissenskonflikt" kennen wir schon aus "Pocahontas" und in digitaler Neuauflage aus "Avatar", unter dem schwindenden Glauben an Zauberkraft und Magie litten bereits die Kindliche Kaiserin und Phantasien, Peter Pan und Nimmerland und Co. Doch Musik, Dialoge und Inszenierung gleichen diese Tatsache so kunstvoll aus, dass man "Goscior" einfach mögen muss. Eine tolle Musik mit teils witzigen, teils nachdenklich machenden Texten, ein wunderbar stimmiges Ensemble, das sichtbar Spaß und Freude an dieser Produktion zu haben scheint und wunderbare Anspielungen und Parodien auf aktuelles Zeitgeschehen gestalten den Abend wunderbar aus und machen die knapp zweieinhalb Stunden zu einem unvergesslichen Erlebnis. Zudem fährt das Mainfrankentheater einmal sein ganzes technisches Equipment auf - Rauchmaschine, Schwenklichter, Videoprojektionen, Liveband, Headphones (die am Anfang ein bisschen brauchen, bis man alles versteht), Lichteffekte und und und...


In bis zu fünf Rollen müssen die Schauspieler schlüpfen. Kai Christian Moritz gibt George und Gosicor und stellt sein stimmliches und schauspielerisches Talent eindrucksvoll unter Beweis, Anne Diemer gibt die durchtriebene und gierige Freundin Maria und überzeugt, wie zuletzt in Schillers "Parasit" auch durch ihre gesangliche Solonummer über den Tod der Märchen. Maria Vogt mimt putzig und flippig die Rechtswächterin Rinja, Musicalautor Frank Felicetti wirkt selbst mit als ruppiger Kobold Dollock. Der Rest des Ensembles wechselt zwischen Kobolden, Menschen, Pennern, gesichtslosen Allwissenden (eine der besten Nummern im ganzen Stück, weil Gesang, Bewegung und Regieeinfälle wunderbar zusammenspielen) und spielt jede Rolle wunderbar aus. Maria Brendel sorgt als ostdeutsche Oma, die das Wort "Münzeinwurf" nur allzu genau nimmt, für zahlreiche Lacher und sticht wieder einmal mit ihrer markanten Stimme und ihrem Können ein wenig heraus, Kai Markus Brecklinghaus darf rappen und "voll krasses" Deutsch sprechen und Anne Simmering wird wieder ihrer quirligen und verrückt-exzentrischen Darstellung gerecht, sehr zur Freude der Zuschauer.

Bernhard Stengele führt die Truppe sicher und gekonnt durch die Handlung, wie so oft überraschen einfache und trotzdem effektvoll Einfälle, wie Gummibänder an Händen und Füßen, die den anonymen Großstadtmenschen auf einer Privatparty marionettenhafte Züge verleihen, weiße Masken über den Gesichtern und sich drehende Figuren bei den allwissenden Mächtigen der Welt sowie stellenweises Spiel im Publikum. Auch die Band wird leicht mit einbezogen und kommt im Kobold-Look daher. Ein gelungener Streich, unterhaltsam, stimmig, durchsetzt mit ernsten Tönen und sinnvoll versteckter Kritik (man höre auf die Namen, mit denen in der Wohnung das "Light-System" gesteuert wird), eingängigen Liedern und Melodien und einer tollen Besetzung. Hingehen, mitfiebern, sich mitnehmen lassen - der Run auf die Karten ist groß, also nicht mehr lange warten! Mehr Infos gibt es auch hier.

Quelle der Bilder: Mainpost

Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"

Solidarität für das Wuppertaler Schauspiel


In Wuppertal brodelt es. Vor drei Wochen waren tausende Menschen auf der Straße, demonstrierten, protestierten, machten ihrem Ärger Luft. Zum Welttheatertag am 28. März hatten über 50 Bühnen aus ganz Deutschland Abordnungen in die Stadt Wuppertal geschickt, um sich an den Protesten und Kundgebungen zu beteiligen. Der Grund: Wuppertal ist hoch verschuldet und muss dementsprechend Einsparungen vornehmen. Diesen Maßnahmen soll auch das Wuppertaler Schauspielhaus zum Opfer fallen, zahlreiche Arbeitsplätze wären damit in Gefahr. Über 5.000 Menschen bildeten eine Kette, Schüler sangen "Es ist vorbei-bei-bei Wuppertal", viele trugen gelbe T-Shirts.

Lesungen, Ausschnitte aus Stücken, Videoeinspielungen, szenische Darbietungen - die bisher größte Souveränitätsaktion deutscher Bühnen seit langem vereinte auch namhafte und aktuelle Produktionen wie die umstrittene Hartz-IV Inszenierung aus Volker Löschs "Marat was ist aus unserer Revolution geworden" aus Hamburg, in dem Hartz-IV-Empfänger auf der Bühne eine Liste der reichsten Hamburger samt ihres Einkommens verlesen, ebenso die aus Köln angereisten "Kontrakte des Kaufmanns" von Elfriede Jelinek, auch das Wuppertaler legendäre Tanztheater von der kürzlich verstorbenen Pina Bausch war mit von der Partie. Armin Rhode kam auf dem Motorrad vorbei und sprach vor der versammelten Menge, warnte vor den Folgen, die "Seele einer Stadt" zu schließen. "Macht euch klar, was damit passiert!" Regisseur Roger Vontobel trug beim Schlussapplaus der Premiere seines "Don Carlos" in Dresden ein Solidaritäts-T-Shirt und setzte damit ebenfalls ein Zeichen.


In den von der Finanzkrise gebrandmarkten Zeiten fallen derzeit überall kulturelle Projekte und Einrichtungen den Einsparungen zum Opfer. Ein städtisches Theater zu schließen, hat sich aber bisher noch niemand getraut. Darum blickt derzeit die deutsche Bühnenwelt nach Wuppertal, denn die Schließung des Schauspiels könnte einen schrecklichen Dominoeffekt zur Folge haben. Ein schleichender Tod? Vielleicht kann doch noch etwas erreicht werden, doch die Situation bleibt angespannt. Wuppertal ist nicht das einzige Theater, das von den Etatkürzungen bedroht ist. Die Intendanten werden jedenfalls auf die Barrikaden gehen und überlegen, wie man sich am Besten dagegen wehren kann. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung...

Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"

"Love Jogging" im Chambinzky


Hilary scheint sichtlich erleichtert, dass ihr Mann Brian endlich einmal etwas für seine Fitness tut. Im knallroten Jogginganzug macht er sich jeden Mittwoch auf, um draußen seine Runden zu drehen. Was Hilary daran freut, ist aber nicht unbedingt die Tatsache, dass bei ihrem Mann vielleicht bald die Pfunde purzeln könnten, sondern der schöne Nebeneffekt, dass sie Brian für einige Stunden los ist. Denn wenn Brian mittwochs außer Haus ist, vergnügt sich dessen Freund George heimlich mit Brians Ehefrau Hilary. Aber Brian geht auch nicht wirklich joggen. In Wirklichkeit trifft er sich in Georges Wohnung mit seiner Geliebten Wendy und denkt, George sei in dieser Zeit beim Dartspielen in der "Goldenen Unke". Das prekäre Wechselspiel scheint reibungslos zu funktionieren, bis zu dem Tag, an dem Georges Ehefrau Jessica unerwartet früher von einer Geschäftsreise zurückkommt und Brian und Wendy in ihrer Wohnung vorfindet. Brian gerät in Erklärungsnot und damit nimmt das Unglück seinen Lauf...

Die Komödie von Derek Benfield mischt typische Slapstick-Elemente mit zahlreichem Wortwitz und liefert ein lustiges Verwirrspiel, in dem sich die Charaktere immer tiefer in ihren Ausreden und Heimlichtuereien verstricken. Das das nicht gut gehen kann, ist natürlich klar und dementsprechend hat das Publikum viel zu lachen.
Zwar braucht es am Anfang ein bisschen, bis das Spiel endgültig Fahrt aufnimmt, doch die ersten Minuten sind eben nötig, um die nötigen Informationen zu liefern und die Verhältnisse und Gegebenheiten zu klären. Einmal in Schwung gekommen, gibt es jedoch kein Zurück mehr.

Manfred Plagens inszenierte diesen flotten Schabernack, der derzeit am Chambinzky noch bis zum achten Mai zu sehen ist, zusammen mit einem stimmigen und harmonierenden Team, das der Verwechselposse die nötige Schärfe zu verleihen weiß. Die immer wieder gern gesehenen Chambinzky-Stammgäste Wolfgang Stenglin als Brian, der sich ständig neu erklären muss und in seiner köstlichen Hektik nur noch tiefer in den Schlamassel begibt sowie Dagmar Schmauß als selbstbewusste und direkte Jessica, die durch ihre Fragenstellerei und ihre offensive Art sowohl George als auch Brian das Leben schwer macht, bringen den ganzen Zirkus ordentlich in Schwung, in dem sich Siegfried Krockert als penibler und leicht ungeschickter George behaupten muss. Für einige Lacher sorgt sein Drang, seine Kleidungsstücke immer wieder säuberlich ordnen zu müssen sowie seine hilflosen Versuche, angesichts neuer Probleme nicht wieder in Panik auszubrechen - herrlich. Silke Weller gibt mit sichlichtem Spaß eine leicht hämische und sarkastische Hilary, die in all dem Trubel stets ihr diebisches Lächeln bewahrt und durch spitzfindige Kommentare zu bespaßen weiß. Michelle Küster macht als Wendy, die unversehens Teil der Scharade wird und plötzlich als Krankenschwester augegeben werden muss, souverän die Truppe komplett.

Es gibt noch Karten. Und es lohnt sich durchaus, an einer der noch ausstehenden Vorstellungen vorbeizujoggen und die freien Plätze zu füllen. Hobbyköche können mit dem Programmheft ein Rezept für Schottisches Ochsenschwanzragout mit nach Hause nehmen. Was dieses Essen mit dem Stück zu tun hat, sollten neugierige Besucher selbst herausfinden...

Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"

Freitag, 4. Dezember 2009

Le Concert


Wohl einer der besten Filme des Jahres ist der derzeit in Frankreich zu sehende Kinofilm "Le Concert", unter anderem mit der Schauspielerin Melanie Laurent, die zuletzt als nach Rache sinnende Kinobesitzerin in "Inglorious Basterds" zu sehen war. Der Russe Andrej Filipov war einst einer de größten Dirigenten seiner Zeit, wurde aber während eines Konzertes öffentlich gedemütigt und seines Amtes enthoben, weil er unter anderem mit den Juden solidarisierte. Seit da an fristet er als Putzmann sein Dasein im Moskauer Bolschoi-Theater, bis ihm eines Tages ein Fax in die Hände fällt: eine Einladung des "Théâtre du Châtelet" nach Paris! Weil Filipov der Meinung ist, dass das wirkliche Bolschoi-Orchester zu nichts taugt, setzt er alles daran, seine alten Freunde aus seiner Zeit als Dirigent zusammen zu trommeln, um an Stelle des echten Orchesters nach Paris zu fahren. Alles streng geheim natürlich. Doch Filipov begibt sich damit nicht nur auf eine Reise in den so heiß geliebten Westen und das faszinierende Paris, sondern auch auf eine Reise zurück in seine eigene Vergangenheit. Und schon bald stellt sich heraus, dass es da noch einige Hindernisse gibt, bevor die Russen ihre Füße auf französischen Boden setzen dürfen...

Mit einer herzerwärmenden Leichtigkeit, einer ordentlichen Portion Charme und einer kaum beschreibbaren Gabe, mit der Kamera kulturelle Klischees und zwischenmenschliche Eigenheiten aufzufangen, machen den Film zu einem unglaublichen Erlebnis, alleine das Leuchten in den Augen der alteingesessenen Musiker, die zusammengetrommel werden, ist schon einen Filmbesuch wert. Ein definitives Highlight des Kinojahres 2009 und wir dürfen hoffen, dass auch bald eine deutsche Übersetzung des Films anläuft.

Aktuelle Lektüre: Eric-Emmanuel Schmitt: "Odette Toulemonde et autres histoires"

Sonntag, 29. November 2009

Wort zum Sonntag N°26


Das heutige Wort zum Sonntag stammt aus einem Musical, das einige Zeit in Deutschland lief. Es gibt sicherlich Besseres, aber einige Songs und vor allem die Texte konnten sich doch als Ohrwurm durchsetzen, nicht zuletzt wegen der Unterstützung von DSDS-Gewinner Alexander Klaws, der zusammen mit Sabrina Weckerlin den Song "Alles" aufnahm. Die Rede ist vom Musical "Die drei Musketiere", das zuerst im Theater des Westens in Berlin, später im SI-Centrum in Stuttgart gezeigt wurde. Da ich mich dieses Wochenende wieder einmal in Paris aufgehalten habe, sind mir einige Zeilen eingefallen, die in einem Song über diese Stadt vorkommen.

Die Stadt reckt und streckt sich und schüttelt die Mähne,
sie blickt wild umher und sie fletscht ihre Zähne,
sie keucht einen Fluch und sie spuckt in die Seine, ein schmieriges Weib - Paris!

Und wohin wir uns immer im Leben auch wenden,
all uns're Wege, sie werden hier enden,
sie hat uns auf ewige Zeit in den Händen, sie lässt uns nicht los - Paris!

So ist das Leben in Paris, trostlos und wundervoll zugleich,
mal Märchenschloss und mal Verlies, Heimat für arm und für reich.


Aktuelle Lektüre: Eric-Emmanuel Schmitt: "Odette Toulemonde et autres histoires"

Freitag, 13. November 2009

Wirb oder stirb! - Die Werberevue in Würzburg

Werbung begegnet uns täglich. Sei es im Fernsehen, im Radio, auf Plakaten und in Zeitschriften. Oft empfinden wir sie als lästig, zappen gerne weg, wenn die Lieblingsserie mal wieder unterbrochen wird, damit Herr Gottschalk wieder seine Goldbären anpreisen kann. Doch Werbung kann auch toll sein, faszinierend, witzig, kreativ - wer ein wenig nachdenkt, dem werden sicherlich noch einige Werbespots von früher einfallen, die sich durch ihre Originalität ins Gedächtnis gebrannt haben. Die meinige Generation kann sich sicherlich noch an die erste legendäre Axe-Werbung erinnern, in der ein Eunuch plötzlich zum gestandenen Mannsbild mutiert, oder an Gottschalks HARIBO-Spots, den Melitta-Mann oder an die "Ace"-milde-Bleiche-Tante, die stets altklug und belehrend von den Vorzügen dieses Waschmittels sprach.


Doch Werbung auf der Bühne? Eher ungewöhnlich und selten zu finden. Dies dachten sich auch Cornelia Wagner und Dagmar Schmauß und stellten eine Werberevue zusammen, die sie jetzt im Bechtholsheimer Hof in Würzburg zusammen mit dem Omega-Theater präsentieren. Hier erwachen Meister Proper, der Ültje-Mann und der Hustinettenbär wieder zum Leben und bekannte Jingles wie "Like Ice in the Sunshine" oder das beliebte Becks-"Sail away" wetteifern um den besten Ohrwurm. Die älteren Generationen können in Nostalgie schwelgen, während die jüngeren sicherlich ein paar neue Entdeckungen machen werden, was sich denn alles so ins Gedächtnis gebrannt hat. Das wird sicherlich ein heiterer, begeisternder und lustiger Abend, den man sich aufgrund seiner originellen Idee und dem vielversprechenden, witzigen Plakat auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Premiere ist morgen, am 14. November um 20 Uhr, weitere Termine sind am 15. / 17. / 18. / 19. / 20. / 21. / 23./ 24. und am 25. November jeweils um 20 Uhr.

Aktuelle Lektüre: Marlen Haushofer: "Die Wand"

Samstag, 31. Oktober 2009

Schlösser der Loire


Mittlerweile sind hier Ferien und die freie Zeit bietet so einiges zum Entdecken und Erleben in der Gegend. Besonders sehenswert sind hier natürlich die Schlösser an der Loire. Ob Chenonceau, das wunderbar über dem Wasser gebaut ist und eine wunderbare Einrichtung zu bieten hat oder das kleine Schlösschen Valencay - sie alle bestechen auf ihre ganz eigene Weise mit beeindruckenden Bauten, versteckten Kostbarkeiten oder einer sehr schönen und prunkvollen Dekoration.

Chenonceau liegt beispielsweise mitten über dem kleinen Fluss Cher. Hier hielt sich auch Katharina von Medici eine Weile auf und hetzte gegen die Hugenotten, Diane de Poitiers ließ sich einen eigenen Garten anlegen. Francois I war hier oft und nach der Königsära war das Schloss ein Treffpunkt für die Literaten und Künstler. Die Einrichtung ist wirklich sehenswert und man kann von den Katakomben ganz unten, wo es die Küchenräume zu bestaunen gibt, bis ganz nach oben gehen, wo den Besucher prächtig ausgestattete Räume erwarten.

Chambord haut einen dahingegen mit seiner unglaublichen Größe um. "Nur" als Jagdschloss errichtet, beinhaltet es über 90 Räume, hunderte von Kaminen und ein eigenes begehbares Dach, auf dem man wie in einem kleinen Städtchen spazieren gehen kann. Es gilt als das prächtigste der Loire-Schlösser und im geräumigen Inneren kann man sich schon mal schnell verlaufen. Highlight ist die im Inneren befindliche Wendeltreppe, die aus zwei Spiralen besteht, die miteinander verwunden sind. So können sich zwar zwei Menschen, die auf dieser Treppe gehen, sehen, aber sich nicht begegnen. Leonardo da Vinci soll diese Treppe mitgestaltet haben.

Aktuelle Lektüre: George Sand: "La mare au diable"

Montag, 19. Oktober 2009

Deutscher Jugendliteraturpreis 2009


Es steht fest! Seit letzter Woche sind nun die Gewinner des diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreises auf der Buchmesse in Frankfurt bekannt gegeben worden. Wie jedes Jahr werden mit dieser Auszeichnung die besten Kinder- & Jugendbücher in verschiedenen Kategorien geehrt. Die Preise sind mit Geldpreisen dotiert und außerdem erhält jeder Preisträger eine Statue aus Bronze, die die kleine Momo aus Michael Endes gleichnamigen Roman zeigt. Die Preisträger 2009 sind:

Kategorie Bilderbuch:
"Geschichten aus der Vorstadt des Universums" von Shaun Tan und Dirk Rehm. Mit sehr unterschiedlichen Techniken, Bilder entstehen zu lassen, wie etwa Bleistift, Acryl, Computer oder Buntstift lässt der Zeichner und Künstler Shaun Tan unglaubliche Bilder entstehen, die dem Leser und Betrachter auch außerhalb des Buches Raum und Möglichkeit geben sollen, sich seine eigenen Geschichten auszudenken und das Gelesene und Gesehene weiterzuspinnen.

Kategorie Kinderbuch: Freudige Nachricht für Andreas Steinhöfel, denn der erste Band seiner mittlerweile sehr berühmten Kinderbuchreihe "Rico, Oscar und die Tieferschatten" wurde in dieser Sparte prämiert. Darin geht es um den tiefbegabten Rico, der zusammen mit seiner Mutter in Berlin lebt. Ja, richtig, Rico ist tiefbegabt, braucht ein bisschen länger als die anderen Kinder und ist nicht sehr leicht zu handhaben. Umso spannender wird es, als Rico auf einmal mit dem verrückten Oscar, der stets einen Helm trägt, um sich seinen Kopf nicht zu verletzten, auf spannende Verbrecherjagd kennt. Dabei liefert Andreas Steinhöfel mit gekonntem Sprachwitz und einer deftigen Portion in dieser Form neuem Humor eine unterhaltsame Story aus der deutschen Hauptstadt für Groß und Klein.

Kategorie Jugendbuch: Wieder einmal hat es Kevin Brooks geschafft, dieses Mal mit seinem Roman "The Road of the Dead". Und wieder packt er den jugendlichen Leser durch ein sehr hartes Thema: die Schwester des Hauptcharakters wurde ermordet und nun muss der Täter gefunden werden. Brooks schreibt sehr klar, direkt und scheut sich nicht vor deftiger Sprache. Auch das Thema Gewalt steht hier ganz oben und wird sicherlich noch für Diskussionen sorgen.

Kategorie Sachbuch: Der Preis für das beste Sachbuch geht dieses Mal an Wolfgang Korn und Klaus Ensikat für "Das Rätsel der Varusschlacht". Im Mittelpunkt dieses Werks steht eine Schlacht aus dem Jahre 9 nach Christus, zwischen Varus und Arminius. Korn versucht zu vermitteln, wie man Quellen deuten kann und was dabei zu beachten ist und inwiefern Historiker und Archäologen zusammen arbeiten und stellt auf humorvolle Weise diese beiden so unterschiedlichen Wissenschaften kindgerecht vor.

Preis der Jugendjury: Der Preis der Jugendjury geht dieses Mal an den bereits in England und Amerika sehr erfolgreichen Roman "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak. Die Geschichte spielt zur Zeit des Dritten Reichs unter Hitler und berichtet von einem kleinen Mädchen namens Liesel, das sich vor den Nazis verstecken muss und dabei so einige interessante Geschichten erlebt.

Ein sehr vielfaltiges Bild also wieder einmal, inwiefern diese Bücher bei den jungen Lesern ankommen werden, wird sich mit der Zeit zeigen.

Aktuelle Lektüre: Volker Klüpfel / Michael Kobr: "Erntedank. Kluftingers zweiter Fall."

Samstag, 26. September 2009

"Der nackte Wahnsinn" im Chambinzky Würzburg


Der Herbst steht vor der Tür, die Tage werden kürzer, das Wetter grauer. Miesewetter lässt glücklichweise noch auf sich warten. Wer vor der anstehenden Winterdepression noch seine Lachmuskeln auf Vordermann bringen will oder schon lange mehr kein urkomisches Theaterstück besucht hat, sollte sich unbedingt die Komödie "Der nackte Wahnsinn" im Chambinzky-Theater Würzburg ansehen.

Autor Michael Frayn schrieb eine Komödie über die Komödie, die Regisseur Johannes Friesenegger mit einem unglaublichen Einsatz, der sich sehen lassen kann, temporeich und unheimlich witzig inszeniert hat. Hut ab vor dem stimmigen und teamfähigen Ensemble, sich durch eine solch verknotete und verwirrende Story mit sieben (!) zu öffnenden und zu schließenden Türen, allerlei Krimskrams und einer um 180° drehbaren Bühne zu kämpfen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wer gerne lacht, sollte vor der Vorstellung noch mal aufs Klo gehen, denn die abgefahrene Handlung hat es in sich: die Nerven liegen total blank bei Regisseur Lloyd Ferdinand Dallas (immer wieder gern auf Würzburgs Kleinbühnen gesehen: Wolfgang Stenglin), denn sein Stück "Nackte Tatsachen" hat in ein paar Stunden Premiere und irgendwie scheint noch gar nichts zu klappen, von den Auf- & Abgängen angefangen bis hin zu den privaten Wehwechen der einzelnen Schauspieler. Liebesgeschichten, private Probleme, eine Flasche Whiskey und einige falsch vergebene Blumensträuße sind nur ein kleiner Teil in dem riesigen Chaos, das sich dem Zuschauer bietet und der quasi ein Stück im Stück miterleben darf, das im zweiten Akt sogar von der Rückseite des Bühnenbildes zu bewundern ist, dadurch aber nicht weniger lustig ist; im Gegenteil, es kommt immer noch schlimmer als man eigentlich denkt. Dabei belustigt und erheitert jeder Charakter auf seine eigene, bezaubernde Weise: Talia von Bezold als divenhafte Dorothea "Dotty" A. Weißmantl, die durch ihren charmanten fränkischen Akzent auf der Bühne auf der Bühne (nein, stimmt wirklich, nicht verschrieben) begeistern kann, Hubertus Grehn als jovialer Garry Lejeune und Norbert Straub als schwäbisch schwätzender Einbrecher. Überraschend komisch und immer wieder für einen Lacher gut ist das Gespann Siegfried Kockert und Monika Schiefer: geben sie beide auf der Bühne auf der Bühne mit großen Tönen das sehr von sich überzeugte Liebespaar, so ist sie im wahren Leben hibbelig und schwatzhaft und hüpft mit Goldkettchengeklimper über die Bühne, während er mit hoher Stimme und schüchterner Art kaum einen Ton herausbringt. Ergänzt wird die gut durchdachte, goldig besetzte Truppe durch die dümmlich-naiv-nette Mia von Ahlbeck und Valentina Beyer und Philipp Roswora, die als Regieassistenz und unbeholfener Praktikant in dem ganzen Chaos mitmichen.

Wer selbst schon einen durchaus anstrengenden Probenmarathon hinter sich hatte, selbst Theater spielt oder macht oder sonst mit Probensituationen zu tun hatte, wird in den überspitzt dargestellten Problemchen und Tücken einiges wieder erkennen, aber auch Zuschauer mit weniger Bezug dazu kommen hundertprozentig auf ihre Kosten. Regisseur Johannes Friesenegger hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet und die sicherlich nicht einfach umzusetzende Komödie mit sehenswerten Ideen, Liebe zum Detail, ordentlich Schmackes und einer goldigen Charakterformung auf die Beine gestellt. Bei dieser charmanten und turbulenten Farce über die Farce bleibt sicherlich kein Auge trocken und wer "Der nackte Wahnsinn" noch nicht gesehen hat, sollte diese Kultkomödie im Chambinzky unbedingt ansehen. Karten sind sehr schnell weg, also zugreifen! Das Stück läuft noch bis einschließlich 31.10. Ich selbst mach mir jetzt eine Dose Sardinen auf...


Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"

Mittwoch, 16. September 2009

Fulda

Am Wochenende durfte ich in den Genuss kommen, die schöne Domstadt Fulda kennen zu lernen. Die ist wirklich sehr schön und wäre auch eine coole Unistadt, in der es sich aushalten ließe. Neben einer echt gemütlichen Altstadt mit urigen Cafés und Kneipen begrüßt einen außenherum die erholsame Landschaft der Rhön - perfekte Kulisse für idyllische Heimatfilme. Auch das Nachtleben musste erkundet werden, tagsüber lädt der Schlosspark mit passendem Rahmen (eine Konstruktion, in die man sich stellen kann, um coole Fotos zu machen) zum Pausieren ein. Was man in Fulda machen sollte:

- die schöne Altstadt-Apotheke besuchen
- sich in den Rahmen im Schlosspark stellen und lustige Bilder machen
- in den Dom gehen und die Bonifazius-Gruft angucken. Bonifazius gilt übrigens als "Apostel der Deutschen". Außerdem gibt es über dem Altar Darstellungen der vier Evangelisten, von denen einer einen dreidimensionalen Fuß hat. Es sieht fast aus, als wäre dahinter jemand eingemauert...
- raus aufs Land fahren
- studentisch essen im "Academia"
- an einem Schoppenturnier mitmachen, wenn möglich
- im Stadtwächter ein Apfelbier trinken
- eine Postkarte schreiben
- die alte und urige Michaelskirche anschauen, die ist sehr interessant und mit eine der ältesten Kirchen Deutschlands
- im "Rädchen" einen Kaffee trinken
- in der Altstadt den UBoot-Führerschein machen (wird recht prozentig)
- Spazierengehen, um einen schönen Ausblick auf die Stadt zu haben (von einem Berg aus)

Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"

Dienstag, 15. September 2009

Judith Hermann las im Schloss


Wer aufmerksam die Regionalzeitung gelesen hatte und ein wenig literaturinteressiert ist, dem ist sicherlich nicht entgangen, dass Judith Hermann sich gestern im Bad Mergentheimer Deutschordensschloss im Roten Saal die Ehre gegeben hat, aus ihrem neuen, mittlerweile dritten Buch "Alice" vorzulesen. Die 39jährige Berlinerin wurde 1998 mit ihrem Buch "Sommerhaus, später" auf einen Schlag berühmt, ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturförderpreis der Stadt Bremen und dem Kleist-Preis. 2003 kam ihr zweites Buch heraus, "Nichts als Gespenster", das in Auszügen auch für das Kino verfilmt wurde. Jetzt ist sie wieder da, mit einem neuen Buch, "Alice".

Was Judith Hermann so grandioses gelungen ist, ist erst einmal die Tatsache, dass sie es überhaupt geschafft hat, in so einem Genre wie Kurzgeschichten in Deutschlanf Fuß zu fassen. Während im angelsächsischen Raum die so genannten "Short Stories" sich großer Rezeption erfreuen, sind die Deutschen noch eher Romanleser und wagen sich selten an die kleinen, in sich abgeschlossenen Erzählungen, die sich oft nur über wenige Seiten erstrecken. Glücklicherweise gelang es in letzter Zeit immer wieder einigen Autoren, diese Sparte ein wenig wieder zu beleben, darunter beispielsweise Miranda July mit ihren "Zehn Wahrheiten", übrigens großartig und unbedingt zu empfehlen. Hoffen wir, dass es noch mehr mutige Schreiberlinge geben wird, die sich an diese Sparte der Literatur wagen!

Leise, eindringlich, sanft und mit einer sprachlichen Nüchternheit, die einen umgehauen hat, wusste Judith Hermann aus ihrem Buch vorzulesen. Gerade ihr Auge für das Detail und die Fähigkeit, Dinge auszudrücken, indem sie nicht darüber spricht, ist irgendwie unheimlich und weiß zu begeistern. In ihren Geschichten in dem Buch "Alice" geht es jeweils um den Tod einer Figur, einziges Bindeglied zwischen diesen ganzen Geschichten ist die Hauptfigur Alice, die damit klar kommen muss, dass die Menschen um sie herum sterben. Wie nimmt man so einen Moment denn in sich auf? Was bleibt von dem, der gehen muss? Wie kommt man mit diesen zwei Zeitebenen zurecht - auf der einen Seite bleibt die Zeit für den Sterbenden stehen, während auf der anderen Seite das Leben einfach weitergeht? Ungemein plastisch und greifbar lies Judith Hermann in ihrer zweiten Geschichte "Konrad" einen anfangs idyllischen Italienurlaub durch den Tod eines alten Freundes aus der Bahn geraten - Alice schwimmt am Ende der Geschichte im kalten See, sie "verliert den Boden unter den Füßen".

Judith Hermann machte Lust auf mehr (ich hab jetzt auch ein signiertes Exemplar ihres Debütwerkes, *freu*) und wusste auch bei der anschließenden Fragerunde auf eine verständliche und nachvollziehbare Art und Weise von ihrem Schreiben und ihrem Denken zu berichten. Ein bereichender Abend.

Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"

Sonntag, 19. Juli 2009

Literaturbühne im standard

Würzburg in der kulturellen Sommerfrische? So mancher wird sich mittlerweile schon gefragt haben, was denn mit dem Poetry Slam Würzburg passieren wrid - es wird wieder einen geben, aber in einer komplett anderen und umso interessanteren Form als bisher, mehr wird aber an dieser Stelle noch nicht verraten. Die Wartezeit kann man sich aber mit einer weiteren interessanten Veranstaltung aus dem Bereich der Kleinkunst überbrücken: die stellwerck literaturbühne. Das Team rund um Christine Ott hat sich richtig Mühe gegeben, eine solche Veranstaltung ins Leben zu rufen. Jungautoren spielen, lesen oder singen ihre Texte in einer gemütlichen Runde und treten dabei auch, wenn gewünscht, mit dem Publikum und den anderen teilnehmenden Autoren in den gemeinsamen Dialog. "stellwerck" möchte damit jungen Nachwuchsautoren auch die Chance geben, ihre Werke einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Line-Up für die Premiere bilden Jürgen Braun, Oliver Berger, Dorothea Weismantel, Stefan Schwinghammer und Anja Kruse. Danach findet die Veranstaltung am jeden dritten Montag eines Monats statt. Hingehen lohnt sich!

Aktuelle Lektüre: Stephenie Meyer: "Twilight"