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schulalltag. zitate. skurriles. abenteuer. gedanken. literatur. kultur. freunde. musik. lehrerdasein. bücher. dichter. inspirierendes. wissenswertes. stolpersteine eben. hier festgehalten.
Samstag, 29. Dezember 2018
Filmkritik: "Mary Poppins Rückkehr"
Samstag, 27. Januar 2018
Molières "Tartuffe" im Residenztheater München
Sonntag, 29. Mai 2011
Berliner Theatertreffen 2011


Besonders von sich reden machte auch "Verrücktes Blut". In diesem Stück zwingt eine Deutschlehrerin eine widerspenstige Klasse aus pubertierenden Arabern und Türken mit einer Pistole in der Hand dazu, Schillers "Räuber" aufzuführen, selbst wenn man dazu einem der Schüler in die Hand schießen muss. Dass es dabei mehr als um den Clash verschiedener Kulturen geht, ist klar - sind doch Themen wie Integration und die muslimische Welt brandaktuell. Doch soll man eigentlich noch von Integration sprechen, wenn die Generation der Einwanderer und Gastarbeiter bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen ist? Wo stehen diese Jugendlichen? Geht es nicht viel mehr um Grenzverschiebungen, um Akzeptanz und Umdenken?
Auch die Perfomancegruppe She She Pop widmete sich einem sehr aktuellen Thema, nämlich dem Altwerden, dem Altsein, dem Miteinander der Generationen. Aus diesem Grund wurden die betagten Väter der Schauspieler zum Teil des Bühnengeschehens und erreichten somit eine ganz besondere Realität, die auch die an Shakespeares "King Lear" angelehnte Rahmenhandlung nicht mehr verbergen kann. Offenbarung und Selbstdarstellung sind da greifbare Begriffe, die Grenzen zwischen aufgesetzter Rolle und realer Persönlichkeit sind fließend.Posthum wurde Christoph Schlingensief nochmals Thema. Sein Projekt "Via Intolleranza II" zeigt, was sein Projekt in Burkina Faso alles angestoßen hat - die Idee, ein Dorf zu errichten, in dem es um Kultur und Bildung geht, ist noch nicht gestorben, die Bauarbeiten gehen weiter, bald soll die Schule eröffnet werden.
Wieder einmal zeigt das Theatertreffen, wie hochaktuell, wie brisant, wie real Theater sein kann und wie wichtig es ist, aktuelles Geschehen auch auf die Bühne zu holen. Daran könnten sich andere Schauspielhäuser durchaus ein Beispiel nehmen. Vielleicht füllen sich dann auch wieder die Reihen...
Aktuelle Lektüre: Theodor Fontane: "Der Stechlin"
Quelle der Bilder: Homepage Theatertreffen
Samstag, 25. Dezember 2010
"Die lustigen Weiber von Windsor" in der Werkstattbühne Würzburg

Sir John Falstaff hat nicht mehr viel zu lachen, seid die beiden Damen Ford und Page sein billiges Spiel durchschaut haben – beide erhielten von ihm vollkommen identische Liebesbriefe und beschließen nun, sich an Falstaff zu rächen. Zur Seite stehen ihnen dabei die gewitzte Wirtin aus Falstaffs Lieblingsschänke und ein beflissenes Dienstmädchen, das aus dem ganzen Trubel auch noch eigenen Profit zu ziehen weiß.
Doch damit nicht genug, es gibt noch einen weiteren Handlungsstrang: die kleine Anne Page sieht sich vor drei verschiedene Liebhaber gestellt, die sie umwerben und ihre Meinung stimmt auch leider nicht mit der ihrer Eltern überein. Kann sie letztendlich den mittellosen Fenton als Ehemann gewinnen?
Die Motive sind keine neuen typisch Shakespeare eben: Liebe, List, Eifersucht, Geliebtseinwollen, Schadenfreude…und wie so oft durchschauen die einfachen Diener und das Gesindel das Spiel zuerst, Liebespaare, die zusammen gehören, finden sich natürlich auch und die Männer bleiben letztendlich die Gehörnten, an der Nase herumgeführt von ihren pfiffigen Gattinnen. Wieso dann überhaupt noch anschauen?
Eben weil es so viel Spaß macht, bei diesem Reigen zuzusehen und weil das stimmige Ensemble der Werkstattbühne einhellig die Spielfreude in den Publikumsraum hinüberwandern lässt. Das „Weiberduo“ Dagmar Schmauß und Ulla Seebode spielt sich wunderbar die Bälle zu und ihr Gelächter scheint mehr als nur gespielt zu sein, wenn sie wieder einmal Wolfgang Stenglin als Falstaff, ausgestattet mit hübscher Perücke und stets vergeblich bemüht, sich aus dem Schlamassel zu retten, in die Irre führen. Doch auch die Nebenfiguren brillieren, wie etwa Christof Stein als Simpel, Tobias Illing als herrlich affektierter französischer Doktor oder Stephan Ladnar, der dem walisischen Pfarrer überzeugend Leben einhaucht. Auch Maria Papadimitrou in der Rolle des Dienstmädchens oder Cornelia Wagner als hübsch burlesk gekleidete Wirtin verleihen dem Schabernack ein sympathisches Gesicht.
Der Truppe ist ein buntes Verwirrspiel gelungen, in dem sich alle miteinander verstricken, mitmischen, profitieren oder leer ausgehen und am Ende löst sich doch alles zum Guten. Shakespeare funktioniert auch dieses Mal – sogar in einem kleinen engen Keller mit bescheidenem Bühnenbild und wenig Requisiten. Die sind auch gar nicht nötig, denn die Figuren nehmen sich den Platz, der noch da ist und das mit vollem Recht.
Das Stück läuft noch bis zum 22. Januar immer Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag. Danach ist die „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo zu sehen.
Aktuelle Lektüre: Reif Larsen: "Die Karte meiner Träume"
Montag, 1. November 2010
Ziemlich heilig...

Allerheiligen hat jedenfalls keinen Bezug zu einem biblischen Ereignis wie etwa Ostern, Pfingsten oder Weihnachten. Vielmehr liegt Allerheiligen in der christlichen Tradition - weil es mit der Zeit zu aufwendig war, jedem Heiligen an seinem speziellen Tag zu huldigen, einigte man sich im Lauf des ersten Jahrhunderts auf einen Tag, an dem allen Heiligen die gleiche Ehre erwiesen werden sollte. Dieser Tag galt "der Jungfrau Maria und allen Märtyrern". Auf die Gräber geht man eigentlich erst an Allerseelen, das am Tag darauf, am 2. November statt findet. Durch Fürbitten und Gebet sollte an diesem Tag das Leiden der armen Seelen erleichtert werden. Damit verbunden war auch die Gräbersegnung. Mit der Zeit wurde dies aber auch am Allerheiligenfest durchgeführt.
Am 31. Oktober feiert man dahingegen Halloween in Amerika und anderen Ländern Europas. Das Wort "Halloween" kommt von der Bezeichnung "All Hallows Eve" und bezeichnet damit den Vorabend von Allerheiligen, was wieder Bezug zum heutigen Feiertag herstellt.
Wieder ein bisschen unnötiges Wissen, mit dem sich in der nächsten Woche klugscheißen lässt...freuen wir uns auf vier Tage bis zum nächsten Wochenende.
Aktuelle Lektüre: Jonathan Littel: "Die Wohlgesinnten"
Sonntag, 30. Mai 2010
"Von Mäusen und Menschen" im Mainfrankentheater

George und Lennie kommen an eine neue Farm, die unter Fuchtel des Juniorchefs Curley steht. Curleys Frau treibt sich ständig in der Baracke herum, sucht das Gespräch, braucht "einfach mal jemandem zum Reden", sie selbst bleibt allein in dieser Männerwelt. Auch ihr Haar ist sehr weich und Lennie interessiert sich bald für sie...
Eintönig und hart ist die Arbeitswelt auf der Farm. Auf Rumhängen folgt Arbeiten, gefolgt von Rumhängen. Puffbesuche am Wochenende, Kartenspielen sind die seltenen Höhepunkte. Diese Tristesse spiegelt sich auch im Bühnebild wieder - eine drehbare Scheune, schlicht, farblos, kahl und unfreundlich. Man muss viel ertragen und einstecken können, braucht eine dicke Haut und starke Ellenbogen. So jemand wie Lennie ist da Fehl am Platz. Wer schwach ist, oder anders, zum Beispiel auch aufgrund seiner Hautfarbe, wird zum Außenseiter und von den anderen gemieden. Gefühle oder Zuneigung sind fehl am Platz, das muss Maria Vogt als Frau des Chefs sich sehr bald eingestehen und Träume zu haben, ist ohnehin Zeitverschwendung. Das erkennt ausgerechnet der schwarze Außenseiter Crooks (toll: Issaka Zoungrana), der, getrennt von den anderen, im Stall übernachten muss, unter seinem Fenster den Misthaufen.

Klaus Müller-Beck mimt den tapsigen Lennie, der wie ein großes Kind wirkt, brilliant und sehr überzeugend - die Hände kneten stets den Saum des Hemds, unruhiges Hin- und Herwiegen, Finger in die Ohren, wenn es laut wird. Eine grandiose und sicherlich keineswegs einfache Leistung, die einen großen Teil des Stücks trägt. Auch Christian Manuel Oilveira gibt den zurückgebliebenen und verstümmelten Candy glaubwürdig, ohne jemals zu überziehen. Georg Zeies erträgt als George die Eigenarten Lennies auf eine ruppige, bisweilen cholerische, aber doch fürsorgliche Weise und nimmt den großen Tölpel auch in Schutz, wenn es sein muss.
Obwohl das Stück schon zahlreiche Jahre alt ist, hat Regisseur Christoph Diem der Produktion einen zeitlosen und aktuellen Charakter verliehen, der bewegt und beschäftigt, nicht zuletzt der Schluss des Stücks geht auch dank der Leistung der Schauspieler unter die Haut und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sollte man nicht verpassen.
Aktuelle Lektüre: Friedrich Dürrenmatt: "Der Richter und sein Henker"
Quelle der Bilder: Homepage Mainfankentheater
"Verzeihung, Ihr Alten" im Mainfrankentheater

Don Otto und Biermann jedenfalls erträumen sich beim heimlichen Zigarrenrauchen im Garten Reisen in ferne Länder, an Strände und unter Palmen und wollen schließlich einen Turm bauen, um über die Ländereien schauen zu können. Frau Frauke, die engagierte Leiterin des Heims, ist gleich Feuer und Flamme für dieses Projekt, denn sie erhofft sich, auf diese Art "Frydendal" einen Namen zu verschaffen. Währenddessen verliebt sich der Pfleger Valentin in die Kleptomanin Vera, während seine anderen beiden Kollegen die Heimsbewohner bestehlen und ihre Beute im Garten verstecken. Der ganze Trubel kann der Sängerin gar nichts anhaben, sie wankt stets mit ihrer Windel über die Bühne, herausgeputzt wie für einen Opernauftritt. Und trotz Demenz, Altersschwäche und Flüssignahrung, scheint die Freude am Leben noch nicht verloren gegangen zu sein.
Das Stück ist anders, keine Frage, erhielt aber von der "Mainpost" zu Unrecht eine schlechte Kritik. Klar, das Thema ist unangenehm, vielleicht auch weil es früher oder später jeden betrifft. Christian Lollikes Stück ist zwar sehr direkt, kann aber durch gezielt gesetzte Pointen und einen augenzwinkernden Blick auf die Sorgen, Nöte und Ängste des Altwerdens den Stoff ein wenig verdaulicher gestalten. Die Würzburger Inszenierung bleibt dem auch treu und selbst wenn laut Pflegern "da Kacke auf dem Boden" liegt oder die Sängerin ihre Windel hinter sich her schleift (laut Regieanweisung ist sie eigentlich vollgeschissen), kommen noch keine Ekelgefühle auf. Die Inszenierung von Deborah Epstein erhält zusätzlichen Charme durch die beiden kleinen Kinder, die die Regieanweisungen verlesen und bewusst die Barriere zwischen Schauspiel und den damit verbundenen Anweisungen durchbrechen. Auch die Schauspieler fallen manchmal kurz aus ihrer Rolle und wenden sich dem Publikum zu.Maria Brendel gibt die sprichwörtliche Glucke, die sich um ihre Lieben kümmert und es sich nicht nehmen lässt, die Anwesenden gerne mehrmals zu begrüßen, sei es durch ständiges "Mahlzeit!" oder "Morgen!" und gibt sich die größte Mühe, es den Bewohnern von "Frydendal" so angenehm wie möglich zu machen. Georg Zeies als Biermann und Max de Nil als Don Otto sorgen für einige Lacher und erinnern manchmal an die beiden Muppet-Opas vom Opernbalkon, während Maria Vogt der alten Kleptomanin Vera auf liebevoll-komische Art Leben einhaucht. Anne Simmering schwebt als Opernsängerin in ihrer ganz eigenen Welt und gewinnt sehr bald die Gunst des Publikums. Ein sehr schön umgesetztes und gegenwartsdramatisches Stück, das mit seinem ganz eigenen Charme und seinem Tiefgang zu begeistern weiß.
Letztmals ist die Produktion am 05. Juni zu sehen.
Aktuelle Lektüre: Friedrich Dürrenmatt: "Der Richter und sein Henker"
Quelle der Bilder: Mainpost
Samstag, 22. Mai 2010
Ein Handygespräch als Musical

Doch auch internationale Gruppen und Produktionen bekommen Gelegenheit, sich auf der Plattform in Berlin zu präsentieren, eine davon ist das "Nature Theatre of Oklahoma". Diese Truppe verzichtet bewusst auf große Effekte, spannende erfundene Handlungen und fiktive Charaktere - das wahre Leben steht im Vordergrund und die Wirklichkeit soll auf die Bühne gebracht werden. So wunderte sich Kristin Worral, eine Freundin des Regisseurs Pavel Liska nicht schlecht, als sie von ihm einen Anruf auf ihr Handy erhielt und er sie bat "Erzähl mir dein Leben!". Das tat Kristin dann auch, blieb über 16 Stunden an der Strippe und berichtete ihre gesamte durchschnittsbürgerliche Biografie, Pavel zeichnete alles auf. Daraus entstand dann "Life and Times", die erste Folge "Episode 1" wurde auf dem Theatertreffen in Berlin gezeigt. Pavel Liska und seine Regiekollegin Kelly Copper transkribierten die gesamte Erzählung von Kristin Stück für Stück in sangbare Texte - die Authentizität wurde aber dabei gewahrt. Nichts wurde gekürzt, "ums" und "ehms" wurden beibehalten. In "Episode 1" wurden Kristins erste sechs Jahre erzählt, über drei Stunden dauert das. Von "realistischem Musiktheater" ist hier die Rede, mit den Klischees um die gängigen Broadwayshows wird bewusst aufgeräumt. "Episode 2" wird im Burgtheater Wien aufgeführt werden. Eine witzige Idee, über die sich sicherlich streiten lässt. Bewusst wird das Laienhafte, das durchschnittliche in den Vordergrund gerückt, in dem sich das Publikum wieder erkennen soll - Kristins Geschichte weist sicherlich zu jedem mindestens eine Parallele auf. Schon 2008 erhielt die Gruppe in Europa eine Auszeichnung und ist derzeit auf dem Weg nach oben - wir dürfen gespannt sein.
Aktuelle Lektüre: Frank Wedekind: "Lulu"
Sonntag, 18. April 2010
"Goscior - der Zwischenweltler" am Mainfrankentheater

Die Handlung ist eher einfach und teilweise so klischeegerecht, dass man sich fragen könnte, wie dabei noch ein gutes Musical herauskommen soll: George und seine Freundin Maria gehen im Wald spazieren und entdecken einen roten Kristall, der den Kobolden gehört. Natürlich wissen die beiden das nicht, weil ja Menschen nicht an Kobolde glauben, und stehlen den magischen Stein, was den Zorn der Waldbewohner zur Folge hat. Während Maria mit dem Stein fliehen kann, wird George zur Strafe in Goscior verwandelt, ein Wesen zwischen Mensch und Kobold, das zwar aussieht und spricht wie ein Kobold, aber auch in der Menschenwelt sichtbar ist und keinerlei magische Kräfte besitzt. Natürlich will Goscior wieder zu George werden und macht sich auf in die Menschenwelt, um den Stein zurückzuholen. Leichter gesagt als getan, denn in der hektischen und grauen Großstadt ist kein Platz für Kobolde und Magie, außerdem kann sich Goscior nicht in der Menschensprache verständigen. Zur Seite stehen ihm die Rechtswächterin Rinja und Dollock. Und natürlich gibt es da noch eine uralte Prophezeiung, dass da eines Tages einer kommen wird, der als Bindeglied zwischen der Welt der Menschen und der der Kobolde dienen wird, denn einst lebten beide Völker zusammen, ja, waren gar nur ein Volk. "Doch die Menschen glauben nicht mehr an uns", beschwert sich Rinja, "sie haben keinen Sinn mehr für Magie." Goscior alias George gerät selbst in einen Gewissenskonflikt, denn er steht bald zwischen zwei Seiten...
Nun ja. Wie gesagt, Handlung eher 08/15. Das Motiv "Eindringling in fremde Welten und anschließender Gewissenskonflikt" kennen wir schon aus "Pocahontas" und in digitaler Neuauflage aus "Avatar", unter dem schwindenden Glauben an Zauberkraft und Magie litten bereits die Kindliche Kaiserin und Phantasien, Peter Pan und Nimmerland und Co. Doch Musik, Dialoge und Inszenierung gleichen diese Tatsache so kunstvoll aus, dass man "Goscior" einfach mögen muss. Eine tolle Musik mit teils witzigen, teils nachdenklich machenden Texten, ein wunderbar stimmiges Ensemble, das sichtbar Spaß und Freude an dieser Produktion zu haben scheint und wunderbare Anspielungen und Parodien auf aktuelles Zeitgeschehen gestalten den Abend wunderbar aus und machen die knapp zweieinhalb Stunden zu einem unvergesslichen Erlebnis. Zudem fährt das Mainfrankentheater einmal sein ganzes technisches Equipment auf - Rauchmaschine, Schwenklichter, Videoprojektionen, Liveband, Headphones (die am Anfang ein bisschen brauchen, bis man alles versteht), Lichteffekte und und und...
In bis zu fünf Rollen müssen die Schauspieler schlüpfen. Kai Christian Moritz gibt George und Gosicor und stellt sein stimmliches und schauspielerisches Talent eindrucksvoll unter Beweis, Anne Diemer gibt die durchtriebene und gierige Freundin Maria und überzeugt, wie zuletzt in Schillers "Parasit" auch durch ihre gesangliche Solonummer über den Tod der Märchen. Maria Vogt mimt putzig und flippig die Rechtswächterin Rinja, Musicalautor Frank Felicetti wirkt selbst mit als ruppiger Kobold Dollock. Der Rest des Ensembles wechselt zwischen Kobolden, Menschen, Pennern, gesichtslosen Allwissenden (eine der besten Nummern im ganzen Stück, weil Gesang, Bewegung und Regieeinfälle wunderbar zusammenspielen) und spielt jede Rolle wunderbar aus. Maria Brendel sorgt als ostdeutsche Oma, die das Wort "Münzeinwurf" nur allzu genau nimmt, für zahlreiche Lacher und sticht wieder einmal mit ihrer markanten Stimme und ihrem Können ein wenig heraus, Kai Markus Brecklinghaus darf rappen und "voll krasses" Deutsch sprechen und Anne Simmering wird wieder ihrer quirligen und verrückt-exzentrischen Darstellung gerecht, sehr zur Freude der Zuschauer.
Bernhard Stengele führt die Truppe sicher und gekonnt durch die Handlung, wie so oft überraschen einfache und trotzdem effektvoll Einfälle, wie Gummibänder an Händen und Füßen, die den anonymen Großstadtmenschen auf einer Privatparty marionettenhafte Züge verleihen, weiße Masken über den Gesichtern und sich drehende Figuren bei den allwissenden Mächtigen der Welt sowie stellenweises Spiel im Publikum. Auch die Band wird leicht mit einbezogen und kommt im Kobold-Look daher. Ein gelungener Streich, unterhaltsam, stimmig, durchsetzt mit ernsten Tönen und sinnvoll versteckter Kritik (man höre auf die Namen, mit denen in der Wohnung das "Light-System" gesteuert wird), eingängigen Liedern und Melodien und einer tollen Besetzung. Hingehen, mitfiebern, sich mitnehmen lassen - der Run auf die Karten ist groß, also nicht mehr lange warten! Mehr Infos gibt es auch hier.
Quelle der Bilder: Mainpost
Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"
Solidarität für das Wuppertaler Schauspiel

Lesungen, Ausschnitte aus Stücken, Videoeinspielungen, szenische Darbietungen - die bisher größte Souveränitätsaktion deutscher Bühnen seit langem vereinte auch namhafte und aktuelle Produktionen wie die umstrittene Hartz-IV Inszenierung aus Volker Löschs "Marat was ist aus unserer Revolution geworden" aus Hamburg, in dem Hartz-IV-Empfänger auf der Bühne eine Liste der reichsten Hamburger samt ihres Einkommens verlesen, ebenso die aus Köln angereisten "Kontrakte des Kaufmanns" von Elfriede Jelinek, auch das Wuppertaler legendäre Tanztheater von der kürzlich verstorbenen Pina Bausch war mit von der Partie. Armin Rhode kam auf dem Motorrad vorbei und sprach vor der versammelten Menge, warnte vor den Folgen, die "Seele einer Stadt" zu schließen. "Macht euch klar, was damit passiert!" Regisseur Roger Vontobel trug beim Schlussapplaus der Premiere seines "Don Carlos" in Dresden ein Solidaritäts-T-Shirt und setzte damit ebenfalls ein Zeichen.

In den von der Finanzkrise gebrandmarkten Zeiten fallen derzeit überall kulturelle Projekte und Einrichtungen den Einsparungen zum Opfer. Ein städtisches Theater zu schließen, hat sich aber bisher noch niemand getraut. Darum blickt derzeit die deutsche Bühnenwelt nach Wuppertal, denn die Schließung des Schauspiels könnte einen schrecklichen Dominoeffekt zur Folge haben. Ein schleichender Tod? Vielleicht kann doch noch etwas erreicht werden, doch die Situation bleibt angespannt. Wuppertal ist nicht das einzige Theater, das von den Etatkürzungen bedroht ist. Die Intendanten werden jedenfalls auf die Barrikaden gehen und überlegen, wie man sich am Besten dagegen wehren kann. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung...
Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"
"Love Jogging" im Chambinzky

Die Komödie von Derek Benfield mischt typische Slapstick-Elemente mit zahlreichem Wortwitz und liefert ein lustiges Verwirrspiel, in dem sich die Charaktere immer tiefer in ihren Ausreden und Heimlichtuereien verstricken. Das das nicht gut gehen kann, ist natürlich klar und dementsprechend hat das Publikum viel zu lachen. Zwar braucht es am Anfang ein bisschen, bis das Spiel endgültig Fahrt aufnimmt, doch die ersten Minuten sind eben nötig, um die nötigen Informationen zu liefern und die Verhältnisse und Gegebenheiten zu klären. Einmal in Schwung gekommen, gibt es jedoch kein Zurück mehr.
Manfred Plagens inszenierte diesen flotten Schabernack, der derzeit am Chambinzky noch bis zum achten Mai zu sehen ist, zusammen mit einem stimmigen und harmonierenden Team, das der Verwechselposse die nötige Schärfe zu verleihen weiß. Die immer wieder gern gesehenen Chambinzky-Stammgäste Wolfgang Stenglin als Brian, der sich ständig neu erklären muss und in seiner köstlichen Hektik nur noch tiefer in den Schlamassel begibt sowie Dagmar Schmauß als selbstbewusste und direkte Jessica, die durch ihre Fragenstellerei und ihre offensive Art sowohl George als auch Brian das Leben schwer macht, bringen den ganzen Zirkus ordentlich in Schwung, in dem sich Siegfried Krockert als penibler und leicht ungeschickter George behaupten muss. Für einige Lacher sorgt sein Drang, seine Kleidungsstücke immer wieder säuberlich ordnen zu müssen sowie seine hilflosen Versuche, angesichts neuer Probleme nicht wieder in Panik auszubrechen - herrlich. Silke Weller gibt mit sichlichtem Spaß eine leicht hämische und sarkastische Hilary, die in all dem Trubel stets ihr diebisches Lächeln bewahrt und durch spitzfindige Kommentare zu bespaßen weiß. Michelle Küster macht als Wendy, die unversehens Teil der Scharade wird und plötzlich als Krankenschwester augegeben werden muss, souverän die Truppe komplett.
Es gibt noch Karten. Und es lohnt sich durchaus, an einer der noch ausstehenden Vorstellungen vorbeizujoggen und die freien Plätze zu füllen. Hobbyköche können mit dem Programmheft ein Rezept für Schottisches Ochsenschwanzragout mit nach Hause nehmen. Was dieses Essen mit dem Stück zu tun hat, sollten neugierige Besucher selbst herausfinden...
Aktuelle Lektüre: Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"
Freitag, 4. Dezember 2009
Le Concert

Mit einer herzerwärmenden Leichtigkeit, einer ordentlichen Portion Charme und einer kaum beschreibbaren Gabe, mit der Kamera kulturelle Klischees und zwischenmenschliche Eigenheiten aufzufangen, machen den Film zu einem unglaublichen Erlebnis, alleine das Leuchten in den Augen der alteingesessenen Musiker, die zusammengetrommel werden, ist schon einen Filmbesuch wert. Ein definitives Highlight des Kinojahres 2009 und wir dürfen hoffen, dass auch bald eine deutsche Übersetzung des Films anläuft.
Aktuelle Lektüre: Eric-Emmanuel Schmitt: "Odette Toulemonde et autres histoires"
Sonntag, 29. November 2009
Wort zum Sonntag N°26
sie blickt wild umher und sie fletscht ihre Zähne,
sie keucht einen Fluch und sie spuckt in die Seine, ein schmieriges Weib - Paris!
Und wohin wir uns immer im Leben auch wenden,
all uns're Wege, sie werden hier enden,
sie hat uns auf ewige Zeit in den Händen, sie lässt uns nicht los - Paris!
So ist das Leben in Paris, trostlos und wundervoll zugleich,
mal Märchenschloss und mal Verlies, Heimat für arm und für reich.
Aktuelle Lektüre: Eric-Emmanuel Schmitt: "Odette Toulemonde et autres histoires"
Freitag, 13. November 2009
Wirb oder stirb! - Die Werberevue in Würzburg

Premiere ist morgen, am 14. November um 20 Uhr, weitere Termine sind am 15. / 17. / 18. / 19. / 20. / 21. / 23./ 24. und am 25. November jeweils um 20 Uhr.
Aktuelle Lektüre: Marlen Haushofer: "Die Wand"
Samstag, 31. Oktober 2009
Schlösser der Loire
Chenonceau liegt beispielsweise mitten über dem kleinen Fluss Cher. Hier hielt sich auch Katharina von Medici eine Weile auf und hetzte gegen die Hugenotten, Diane de Poitiers ließ sich einen eigenen Garten anlegen. Francois I war hier oft und nach der Königsära war das Schloss ein Treffpunkt für die Literaten und Künstler. Die Einrichtung ist wirklich sehenswert und man kann von den Katakomben ganz unten, wo es die Küchenräume zu bestaunen gibt, bis ganz nach oben gehen, wo den Besucher prächtig ausgestattete Räume erwarten.
Chambord haut einen dahingegen mit seiner unglaublichen Größe um. "Nur" als Jagdschloss errichtet, beinhaltet es über 90 Räume, hunderte von Kaminen und ein eigenes begehbares Dach, auf dem man wie in einem kleinen Städtchen spazieren gehen kann. Es gilt als das prächtigste der Loire-Schlösser und im geräumigen Inneren kann man sich schon mal schnell verlaufen. Highlight ist die im Inneren befindliche Wendeltreppe, die aus zwei Spiralen besteht, die miteinander verwunden sind. So können sich zwar zwei Menschen, die auf dieser Treppe gehen, sehen, aber sich nicht begegnen. Leonardo da Vinci soll diese Treppe mitgestaltet haben.
Aktuelle Lektüre: George Sand: "La mare au diable"
Montag, 19. Oktober 2009
Deutscher Jugendliteraturpreis 2009

Kategorie Bilderbuch: "Geschichten aus der Vorstadt des Universums" von Shaun Tan und Dirk Rehm. Mit sehr unterschiedlichen Techniken, Bilder entstehen zu lassen, wie etwa Bleistift, Acryl, Computer oder Buntstift lässt der Zeichner und Künstler Shaun Tan unglaubliche Bilder entstehen, die dem Leser und Betrachter auch außerhalb des Buches Raum und Möglichkeit geben sollen, sich seine eigenen Geschichten auszudenken und das Gelesene und Gesehene weiterzuspinnen.
Kategorie Kinderbuch: Freudige Nachricht für Andreas Steinhöfel, denn der erste Band seiner mittlerweile sehr berühmten Kinderbuchreihe "Rico, Oscar und die Tieferschatten" wurde in dieser Sparte prämiert. Darin geht es um den tiefbegabten Rico, der zusammen mit seiner Mutter in Berlin lebt. Ja, richtig, Rico ist tiefbegabt, braucht ein bisschen länger als die anderen Kinder und ist nicht sehr leicht zu handhaben. Umso spannender wird es, als Rico auf einmal mit dem verrückten Oscar, der stets einen Helm trägt, um sich seinen Kopf nicht zu verletzten, auf spannende Verbrecherjagd kennt. Dabei liefert Andreas Steinhöfel mit gekonntem Sprachwitz und einer deftigen Portion in dieser Form neuem Humor eine unterhaltsame Story aus der deutschen Hauptstadt für Groß und Klein.
Kategorie Jugendbuch: Wieder einmal hat es Kevin Brooks geschafft, dieses Mal mit seinem Roman "The Road of the Dead". Und wieder packt er den jugendlichen Leser durch ein sehr hartes Thema: die Schwester des Hauptcharakters wurde ermordet und nun muss der Täter gefunden werden. Brooks schreibt sehr klar, direkt und scheut sich nicht vor deftiger Sprache. Auch das Thema Gewalt steht hier ganz oben und wird sicherlich noch für Diskussionen sorgen.
Kategorie Sachbuch: Der Preis für das beste Sachbuch geht dieses Mal an Wolfgang Korn und Klaus Ensikat für "Das Rätsel der Varusschlacht". Im Mittelpunkt dieses Werks steht eine Schlacht aus dem Jahre 9 nach Christus, zwischen Varus und Arminius. Korn versucht zu vermitteln, wie man Quellen deuten kann und was dabei zu beachten ist und inwiefern Historiker und Archäologen zusammen arbeiten und stellt auf humorvolle Weise diese beiden so unterschiedlichen Wissenschaften kindgerecht vor.
Preis der Jugendjury: Der Preis der Jugendjury geht dieses Mal an den bereits in England und Amerika sehr erfolgreichen Roman "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak. Die Geschichte spielt zur Zeit des Dritten Reichs unter Hitler und berichtet von einem kleinen Mädchen namens Liesel, das sich vor den Nazis verstecken muss und dabei so einige interessante Geschichten erlebt.
Ein sehr vielfaltiges Bild also wieder einmal, inwiefern diese Bücher bei den jungen Lesern ankommen werden, wird sich mit der Zeit zeigen.
Aktuelle Lektüre: Volker Klüpfel / Michael Kobr: "Erntedank. Kluftingers zweiter Fall."
Samstag, 26. September 2009
"Der nackte Wahnsinn" im Chambinzky Würzburg

Autor Michael Frayn schrieb eine Komödie über die Komödie, die Regisseur Johannes Friesenegger mit einem unglaublichen Einsatz, der sich sehen lassen kann, temporeich und unheimlich witzig inszeniert hat. Hut ab vor dem stimmigen und teamfähigen Ensemble, sich durch eine solch verknotete und verwirrende Story mit sieben (!) zu öffnenden und zu schließenden Türen, allerlei Krimskrams und einer um 180° drehbaren Bühne zu kämpfen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wer gerne lacht, sollte vor der Vorstellung noch mal aufs Klo gehen, denn die abgefahrene Handlung hat es in sich: die Nerven liegen total blank bei Regisseur Lloyd Ferdinand Dallas (immer wieder gern auf Würzburgs Kleinbühnen gesehen: Wolfgang Stenglin), denn sein Stück "Nackte Tatsachen" hat in ein paar Stunden Premiere und irgendwie scheint noch gar nichts zu klappen, von den Auf- & Abgängen angefangen bis hin zu den privaten Wehwechen der einzelnen Schauspieler. Liebesgeschichten, private Probleme, eine Flasche Whiskey und einige falsch vergebene Blumensträuße sind nur ein kleiner Teil in dem riesigen Chaos, das sich dem Zuschauer bietet und der quasi ein Stück im Stück miterleben darf, das im zweiten Akt sogar von der Rückseite des Bühnenbildes zu bewundern ist, dadurch aber nicht weniger lustig ist; im Gegenteil, es kommt immer noch schlimmer als man eigentlich denkt. Dabei belustigt und erheitert jeder Charakter auf seine eigene, bezaubernde Weise: Talia von Bezold als divenhafte Dorothea "Dotty" A. Weißmantl, die durch ihren charmanten fränkischen Akzent auf der Bühne auf der Bühne (nein, stimmt wirklich, nicht verschrieben) begeistern kann, Hubertus Grehn als jovialer Garry Lejeune und Norbert Straub als schwäbisch schwätzender Einbrecher. Überraschend komisch und immer wieder für einen Lacher gut ist das Gespann Siegfried Kockert und Monika Schiefer: geben sie beide auf der Bühne auf der Bühne mit großen Tönen das sehr von sich überzeugte Liebespaar, so ist sie im wahren Leben hibbelig und schwatzhaft und hüpft mit Goldkettchengeklimper über die Bühne, während er mit hoher Stimme und schüchterner Art kaum einen Ton herausbringt. Ergänzt wird die gut durchdachte, goldig besetzte Truppe durch die dümmlich-naiv-nette Mia von Ahlbeck und Valentina Beyer und Philipp Roswora, die als Regieassistenz und unbeholfener Praktikant in dem ganzen Chaos mitmichen.
Wer selbst schon einen durchaus anstrengenden Probenmarathon hinter sich hatte, selbst Theater spielt oder macht oder sonst mit Probensituationen zu tun hatte, wird in den überspitzt dargestellten Problemchen und Tücken einiges wieder erkennen, aber auch Zuschauer mit weniger Bezug dazu kommen hundertprozentig auf ihre Kosten. Regisseur Johannes Friesenegger hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet und die sicherlich nicht einfach umzusetzende Komödie mit sehenswerten Ideen, Liebe zum Detail, ordentlich Schmackes und einer goldigen Charakterformung auf die Beine gestellt. Bei dieser charmanten und turbulenten Farce über die Farce bleibt sicherlich kein Auge trocken und wer "Der nackte Wahnsinn" noch nicht gesehen hat, sollte diese Kultkomödie im Chambinzky unbedingt ansehen. Karten sind sehr schnell weg, also zugreifen! Das Stück läuft noch bis einschließlich 31.10. Ich selbst mach mir jetzt eine Dose Sardinen auf...
Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"
Mittwoch, 16. September 2009
Fulda
- die schöne Altstadt-Apotheke besuchen
- sich in den Rahmen im Schlosspark stellen und lustige Bilder machen
- in den Dom gehen und die Bonifazius-Gruft angucken. Bonifazius gilt übrigens als "Apostel der Deutschen". Außerdem gibt es über dem Altar Darstellungen der vier Evangelisten, von denen einer einen dreidimensionalen Fuß hat. Es sieht fast aus, als wäre dahinter jemand eingemauert...
- raus aufs Land fahren
- studentisch essen im "Academia"
- an einem Schoppenturnier mitmachen, wenn möglich
- im Stadtwächter ein Apfelbier trinken
- eine Postkarte schreiben
- die alte und urige Michaelskirche anschauen, die ist sehr interessant und mit eine der ältesten Kirchen Deutschlands
- im "Rädchen" einen Kaffee trinken
- in der Altstadt den UBoot-Führerschein machen (wird recht prozentig)
- Spazierengehen, um einen schönen Ausblick auf die Stadt zu haben (von einem Berg aus)
Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"
Dienstag, 15. September 2009
Judith Hermann las im Schloss

Was Judith Hermann so grandioses gelungen ist, ist erst einmal die Tatsache, dass sie es überhaupt geschafft hat, in so einem Genre wie Kurzgeschichten in Deutschlanf Fuß zu fassen. Während im angelsächsischen Raum die so genannten "Short Stories" sich großer Rezeption erfreuen, sind die Deutschen noch eher Romanleser und wagen sich selten an die kleinen, in sich abgeschlossenen Erzählungen, die sich oft nur über wenige Seiten erstrecken. Glücklicherweise gelang es in letzter Zeit immer wieder einigen Autoren, diese Sparte ein wenig wieder zu beleben, darunter beispielsweise Miranda July mit ihren "Zehn Wahrheiten", übrigens großartig und unbedingt zu empfehlen. Hoffen wir, dass es noch mehr mutige Schreiberlinge geben wird, die sich an diese Sparte der Literatur wagen!
Leise, eindringlich, sanft und mit einer sprachlichen Nüchternheit, die einen umgehauen hat, wusste Judith Hermann aus ihrem Buch vorzulesen. Gerade ihr Auge für das Detail und die Fähigkeit, Dinge auszudrücken, indem sie nicht darüber spricht, ist irgendwie unheimlich und weiß zu begeistern. In ihren Geschichten in dem Buch "Alice" geht es jeweils um den Tod einer Figur, einziges Bindeglied zwischen diesen ganzen Geschichten ist die Hauptfigur Alice, die damit klar kommen muss, dass die Menschen um sie herum sterben. Wie nimmt man so einen Moment denn in sich auf? Was bleibt von dem, der gehen muss? Wie kommt man mit diesen zwei Zeitebenen zurecht - auf der einen Seite bleibt die Zeit für den Sterbenden stehen, während auf der anderen Seite das Leben einfach weitergeht? Ungemein plastisch und greifbar lies Judith Hermann in ihrer zweiten Geschichte "Konrad" einen anfangs idyllischen Italienurlaub durch den Tod eines alten Freundes aus der Bahn geraten - Alice schwimmt am Ende der Geschichte im kalten See, sie "verliert den Boden unter den Füßen".
Judith Hermann machte Lust auf mehr (ich hab jetzt auch ein signiertes Exemplar ihres Debütwerkes, *freu*) und wusste auch bei der anschließenden Fragerunde auf eine verständliche und nachvollziehbare Art und Weise von ihrem Schreiben und ihrem Denken zu berichten. Ein bereichender Abend.
Aktuelle Lektüre: Stieg Larsson: "Vergebung"
Sonntag, 19. Juli 2009
Literaturbühne im standard
Aktuelle Lektüre: Stephenie Meyer: "Twilight"
